Gesundheitssystem unter Reformdruck: Warum Pflege-Mindestlohn und Praxisgebühr zwei Seiten derselben Krise sind
Ein System am Limit
Pflege-Mindestlohn & Praxisgebühr – Die deutsche Gesundheits- und Pflegepolitik steuert auf eine ihrer größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte zu. Bevölkerung altert, Kosten steigen, Personal fehlt – und mitten in dieser Gemengelage muss die Politik Entscheidungen treffen, die sowohl kurzfristig finanzieren als auch langfristig stabilisieren. Zwei aktuelle Entwicklungen zeigen exemplarisch, wie viel Reformdruck sich inzwischen aufgebaut hat: Die Pflegekommission empfiehlt eine Anhebung des Pflege-Mindestlohns in zwei Stufen bis 2027, während gleichzeitig die Debatte um eine Praxisgebühr wieder aufflammt – jedoch von Gesundheitsministerin Nina Warken klar abgeblockt.
Diese beiden Themen, vermeintlich getrennt, hängen in Wahrheit eng zusammen. Sie zeigen die zentrale Frage unserer Zeit: Wie organisiert Deutschland ein Gesundheits- und Pflegesystem, das bezahlbar bleibt und gleichzeitig genug qualifizierte Menschen anzieht, um die Versorgung sicherzustellen?
Pflege-Mindestlohn: Ein kleiner Schritt in einem großen Reformfeld
Die Pflegekommission hat ihre neue Empfehlung vorgelegt – und sie fällt moderat aus. Bis Mitte 2027 sollen die Pflege-Mindestlöhne um insgesamt etwa fünf Prozent steigen. Für die Bundesregierung ist diese Empfehlung bindende Grundlage für eine bundesweite Verordnung.
Doch die tatsächliche Reaktion aus der Branche zeigt: Niemand ist wirklich zufrieden.
1. Die geplanten Erhöhungen im Überblick
Die Anhebungen sollen in zwei Stufen erfolgen:
- Pflegehilfskräfte:
16,10 € → 16,52 € (2026) → 16,95 € (2027) - Qualifizierte Pflegehilfskräfte:
17,35 € → 17,80 € (2026) → 18,26 € (2027) - Pflegefachkräfte:
20,50 € → 21,03 € (2026) → 21,58 € (2027)
Betroffen sind rund 1,3 Millionen Beschäftigte, die in stationären und ambulanten Einrichtungen arbeiten, die unter das Arbeitnehmerentsendegesetz fallen. Haushaltsnahe Betreuung, Minijobs oder private Pflegesettings bleiben außen vor – hier gilt weiterhin der allgemeine Mindestlohn.
2. Warum der Mindestlohn überhaupt noch wichtig ist
Seit 2022 dürfen Pflegeeinrichtungen nur dann Versorgungsverträge mit den Pflegekassen abschließen, wenn sie nach Tarif oder tarifähnlich bezahlen.

Dennoch ist der Mindestlohn nach wie vor der einzige individuell einklagbare Rechtsanspruch, den Beschäftigte haben, die nicht unter einen Tarifvertrag fallen.
Damit betrifft er gerade die schwächsten Glieder des Systems: Menschen mit Teilzeitstellen, Wiedereinsteigerinnen, gering Qualifizierte und Beschäftigte kleiner privater Dienstleister.
3. Gewerkschaften: Zustimmung aus Pflicht, nicht aus Überzeugung
Gewerkschaften wie ver.di hätten deutlich höhere Sätze gefordert – orientiert an Einstiegsgehältern im öffentlichen Dienst. Die nun vorgelegten Werte empfinden sie als zu niedrig, um die Attraktivität der Altenpflege zu steigern.
Die große Sorge:
Der Lohnabstand zur Krankenpflege bleibt zu hoch.
Das Ergebnis ist seit Jahren sichtbar: Viele Pflegekräfte wechseln aus der Altenpflege in die Krankenhäuser, weil dort die Bezahlung spürbar besser ist. Mit einem Mindestlohn knapp über 16 Euro in der Altenpflege wird dieser Trend wohl kaum gestoppt.
4. Arbeitgeber: moderat ja – aber bitte nicht mehr
Die Arbeitgebervertreter wiederum äußern Erleichterung. Ein stärkerer Anstieg sei nach ihrer Einschätzung nicht tragbar gewesen, angesichts steigender Kosten, hoher Inflation und vieler Einrichtungen, die ohnehin am finanziellen Limit wirtschaften.
Parallel kommt aus Arbeitgeberkreisen die Forderung, darüber nachzudenken, ob überhaupt noch ein sektoraler Mindestlohn nötig sei – die Marktdynamik habe längst zu hohen Lohnsteigerungen geführt.
5. Die Diakonie: Geld allein löst das Problem nicht
Die Diakonie und evangelische Pflegeverbände begrüßen die Einigung – warnen aber zugleich: Löhne sind längst nicht mehr das größte Problem der Langzeitpflege.
An erster Stelle stehen:
- fehlender Nachwuchs
- hohe Bürokratielasten
- nicht finanzierte Zusatzaufgaben
- unklare langfristige Planungssicherheit
Aus ihrer Sicht braucht es einen Pflegegipfel, der mehr leistet als nur kleinteilige Korrekturen. Sie fordern eine „große Pflegereform“, die Personal, Finanzierung, Digitalisierung und Qualitätssicherung gemeinsam denkt
Krankenkassen unter Druck: Die Debatte um die Praxisgebühr kehrt zurück
Während die Pflegebranche um Mindestlöhne und Belastungsgrenzen ringt, kämpft der ambulante Gesundheitssektor mit einer anderen Herausforderung: dem finanziellen Druck auf die gesetzlichen Krankenkassen. Die Defizite werden größer, die Strukturkosten steigen, und die Zahl der Arztbesuche in Deutschland ist im internationalen Vergleich weiterhin extrem hoch.
1. Warkens klare Absage an eine neue Praxisgebühr
Gesundheitsministerin Nina Warken lehnt die Idee einer neuen Praxisgebühr klar ab. Die frühere Gebühr von 2004 bis 2012 habe weder Kosten gesenkt noch Patienten sinnvoll gesteuert. Sie war kompliziert, unpopulär und medizinisch wirkungslos.
Eine pauschale Gebühr pro Arztbesuch wird es also nicht geben.
2. Was Warken dagegen vorschlägt: das Primärarztsystem
Stattdessen setzt Warken auf ein Modell, das in vielen europäischen Nachbarländern seit Jahren funktioniert: ein Primärarztsystem, in dem der Hausarzt als erste Anlaufstelle dient. Erst nach Überweisung geht es weiter zum Facharzt.
Ziele:
- weniger Doppeluntersuchungen
- entlastete Notaufnahmen
- bessere Steuerung der Versorgung
- höhere Attraktivität des Hausarztberufs
Deutschland hat derzeit eines der liberalsten Systeme weltweit – Patientinnen und Patienten können nahezu jederzeit ohne Überweisung zu Fachärzten gehen. Die Folge: Facharztpraxen sind überlastet, Hausarztpraxen kämpfen mit Nachwuchsmangel.
3. Ärztemangel: Der Hausarzt verschwindet
Während in Großstädten die Versorgung oft stabil wirkt, drohen ländliche Regionen in eine medizinische Unterversorgung zu rutschen. Hausärztinnen und Hausärzte gehen in den Ruhestand und finden keine Nachfolger. Patientenströme verlagern sich in die Notaufnahmen, die eigentlich viele dieser Fälle gar nicht behandeln müssten.
Warken setzt neben einer neuen Struktur auch auf:
- deutlich weniger Bürokratie
- erweiterte Kompetenzen für medizinische Fachangestellte
- stärkere Einbindung von Apotheken
- Digitalisierung und E-Rezepte
Doch auch hier ist klar: Einzelmaßnahmen reichen nicht.
Zwei Reformbaustellen – ein gemeinsames Grundproblem
Pflege und ambulante Versorgung wirken wie zwei getrennte Bereiche. Doch politisch betrachtet sind sie eng miteinander verwoben.
1. Die demografische Welle kommt erst noch
Deutschland steuert auf eine Phase zu, in der die geburtenstarken Jahrgänge pflegebedürftig werden.
Das bedeutet:
- mehr Pflegekräfte werden gebraucht
- mehr ärztliche Betreuung wird nötig
- mehr Haus- und Fachärzte werden benötigt
- die Sozialversicherungen stehen vor höheren Ausgaben
Während die Ausgaben steigen, wird der Arbeitsmarkt enger – genau in dem Moment, in dem beide Systeme mehr Personal benötigen.
2. Der Wettbewerb um Fachkräfte: Altenpflege vs. Krankenhäuser vs. Arztpraxen
Schon heute konkurrieren:
- Krankenhäuser
- stationäre Langzeitpflege
- ambulante Pflege
- Arztpraxen
- kommunale Einrichtungen
um die gleichen Fachkräfte. Jede Entscheidung in einem Teilbereich hat Auswirkungen auf den anderen.
Erhöht man die Löhne in der Altenpflege zu wenig, wandern Menschen in Krankenhäuser ab. Steigen die Kosten in Krankenhäusern zu stark, belasten sie die Krankenkassen zusätzlich. Wird der Druck dort zu hoch, ruft man nach Praxisgebühren oder neuen Steuerungsinstrumenten.
3. Ein strukturelles Finanzierungsproblem
Die Finanzierungsstrukturen von Kranken- und Pflegeversicherung werden zunehmend instabil:
- Krankenversicherung finanziert sich über Löhne und wird durch Fachkräftemangel geschwächt
- Pflegeversicherung hat enorme strukturelle Mehrkosten
- Staatliche Zuschüsse steigen, sind aber politisch umstritten
Die Anhebung des Pflege-Mindestlohns ist daher nicht nur eine sozialpolitische Frage, sondern eine finanzielle, die Auswirkungen auf das gesamte System hat.
Wie Pflege-Mindestlohn und Praxisgebühr zusammenhängen
Auf den ersten Blick wirkt die Debatte um die Praxisgebühr losgelöst von der Mindestlohndiskussion in der Pflege. Doch betrachtet man die Systemlogik, ergibt sich ein deutlicher Zusammenhang:
1. Mehr Pflegekosten → höhere Belastung der Krankenkassen
Pflegeeinrichtungen kosten die Krankenkassen nicht direkt Geld, aber:
- höhere Pflegekosten führen zu höheren Eigenanteilen
- steigende Eigenanteile führen zu mehr Sozialhilfeleistungen
- Sozialämter zahlen Pflegekosten, aber die Krankenkassen zahlen medizinische Leistungen
- je schlechter die ambulante Versorgung, desto schneller werden Menschen pflegebedürftig
Damit entsteht ein indirekter, aber hochrelevanter Kostenkreislauf.
2. Weniger Hausärzte → mehr Pflegebedarf
Eine schwache hausärztliche Versorgung führt nachweislich zu:
- mehr Krankenhausaufenthalten
- mehr chronischen Verläufen
- früherem Pflegebedarf
- höherer Belastung des Personals in Pflegeeinrichtungen
Die Pflegebranche ist also direkt abhängig von einer funktionierenden ambulanten Versorgung.
3. Niedrige Mindestlöhne → noch mehr Personalmangel
Fehlen Pflegekräfte, verschlechtert sich die Versorgung – und dadurch wiederum steigt der medizinische Aufwand:
- mehr vermeidbare Krankenhausfälle
- mehr Notaufnahmen
- längere Behandlungsverläufe
Das erhöht wiederum den finanziellen Druck, der die Debatte um Praxisgebühren erst möglich macht.
Alles hängt zusammen.
Was jetzt politisch passieren müsste – Pflege-Mindestlohn & Praxisgebühr
Aus Sicht vieler Experten braucht es weit mehr als zwei punktuelle Entscheidungen.
1. Ein Gesamtkonzept aus vier Elementen
- Personalstrategie:
Offensive Ausbildung, weniger Bürokratie, bessere Arbeitsbedingungen. - Finanzierungsreform:
Stabilere Beiträge, klare Steuerzuschüsse, langfristig planbare Finanzmodelle. - Strukturreform:
Primärarztsystem, Digitalisierung, Entlastung der Notaufnahmen. - Pflegeoffensive:
Wirklich große Pflegereform mit klar definierten Rahmenbedingungen.
2. Warum es dafür politischen Mut braucht
Die Gesundheits- und Pflegepolitik ist eines der sensibelsten Felder überhaupt. Jede Veränderung erzeugt umgehend Reaktionen:
- Patientinnen und Patienten fürchten steigende Kosten
- Pflegekräfte verlangen mehr Anerkennung und bessere Bedingungen
- Arztpraxen fürchten zusätzliche Bürokratie
- Arbeitgeber warnen vor Überlastung ihrer Einrichtungen
- Kassen warnen vor steigenden Defiziten
Doch Nicht-Entscheidungen sind langfristig teurer als Entscheidungen.
Ausblick: Ein System am Scheideweg – Pflege-Mindestlohn & Praxisgebühr
Die Empfehlung zum Pflege-Mindestlohn und Warkens Absage an die Praxisgebühr sind zwei Puzzleteile in einem größeren Bild. Beide Entscheidungen zeigen, wie eng die Themen Pflege, ambulante Versorgung und Krankenkassenfinanzierung miteinander verknüpft sind.
Deutschland braucht nicht nur einzelne Stellschrauben, sondern ein umfassendes Reformpaket, das die Pflege stabilisiert, die ambulante Versorgung stärkt und die Finanzierungsgrundlagen des gesamten Systems neu denkt.
Dass sowohl die Pflegekommission als auch die Bundesregierung erste Schritte gehen, ist positiv. Doch die eigentliche Reform – die große Reform – steht noch aus.
Und sie wird entscheiden, ob das deutsche Gesundheits- und Pflegesystem die kommenden Jahre gemeinsam bewältigt oder weiter in parallele Krisen hineinläuft.
Pflege-Mindestlohn & Praxisgebühr – Wir bleiben am Ball für Sie. BerlinMorgen.



























