Reformen im Gesundheitssystem: Wohin steuert Deutschland?
Warum Ministerin Warken eine allgemeine Praxisgebühr ablehnt – und wo sie trotzdem sparen will
Reformen im Gesundheitssystem – Der finanzielle Druck auf die gesetzlichen Krankenkassen wächst seit Jahren spürbar. Die Ausgaben steigen schneller als die Einnahmen, medizinische Leistungen werden teurer und komplexer, und gleichzeitig lebt die Gesellschaft immer länger. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken steht damit vor einer der größten Reformaufgaben ihrer Amtszeit. Sie betont, dass Veränderungen unvermeidlich sind – lehnt aber die Wiedereinführung einer allgemeinen Praxisgebühr klar ab.
Im Gespräch mit der ARD machte die CDU-Politikerin deutlich, dass die frühere Praxisgebühr aus den Jahren 2004 bis 2012 keinerlei positive Effekte hatte. Sie habe viel Bürokratie erzeugt, aber weder die Versorgung besser gesteuert noch die Finanzierung stabilisiert. Dennoch signalisiert Warken gleichzeitig, dass das System an anderer Stelle dringend modernisiert werden muss. Die kommenden Reformen werden tief ins Gefüge der medizinischen Versorgung eingreifen – und Millionen Versicherte betreffen.
Druck auf die Krankenkassen: Wenn Kosten schneller steigen als Beiträge
Die gesetzliche Krankenversicherung steht strukturell unter Druck. Ursachen dafür sind die demografische Entwicklung, ein wachsender Anteil chronisch Erkrankter, steigende Preise in Kliniken und Praxen, teure innovative Medikamente sowie die generelle Kostensteigerung im Gesundheitssektor. Die Einnahmen dagegen hängen fast vollständig an Löhnen und Beschäftigung. Das macht sie anfällig für wirtschaftliche Schwankungen.
Warken weist darauf hin, dass die Bundesregierung in den vergangenen Jahren zahlreiche Leistungsverbesserungen eingeführt habe – von der Vorsorge über die Pflege bis zur Psychotherapie und digitalen Gesundheitsangeboten. Gleichzeitig müsse aber nun ernsthaft diskutiert werden, welche Leistungen dauerhaft finanzierbar seien. Das sei nicht angenehm, aber notwendig.
Absage an die allgemeine Praxisgebühr – aber mögliche Gebühr für Facharztbesuche ohne Überweisung
Eine pauschale Gebühr für jeden Arztkontakt hält Warken für den falschen Weg. Die historische Erfahrung habe gezeigt, dass solche Gebühren die Patienten nicht sinnvoll steuern und keinen finanziellen Effekt erzielen. Doch vollständig vom Tisch ist das Thema Eigenbeteiligung nicht.
Stattdessen hält die Ministerin eine differenzierte Variante für denkbar: eine Gebühr, die nur dann erhoben wird, wenn Patientinnen und Patienten ohne Überweisung direkt einen Facharzt aufsuchen. Der Hintergrund ist klar: Das System soll stärker durch Hausärzte gesteuert werden. Denn gerade hier liegt ein großes Problem. Viele Menschen umgehen ihren Hausarzt und steuern direkt den Spezialisten an – was zu langen Wartezeiten, Doppeluntersuchungen und einer Überlastung der Facharztpraxen führt.
Diese unkoordinierte Nutzung belastet nicht nur die Kassen, sondern auch die Notaufnahmen. Das geplante Primärarztmodell soll hier gegensteuern.
Das Primärarztsystem: Hausärzte als erste Anlaufstelle
Warken setzt auf ein Primärarztsystem, das Hausärzte als zentrale Anlaufstelle etabliert. Das bedeutet: Bevor Patientinnen und Patienten zum Facharzt gehen, sollen sie zunächst ihren Hausarzt aufsuchen. Dieser entscheidet dann, ob und wohin überwiesen wird.

Ein solches System existiert in vielen europäischen Ländern erfolgreich. Allerdings ist die Umsetzung in Deutschland schwieriger. Der Hausarztberuf gilt als stark belastet, viele Praxen kämpfen mit Personalmangel und einem hohen Verwaltungsaufwand. Warken will den Beruf daher attraktiver machen – durch Bürokratieabbau, erweiterte Kompetenzen für medizinische Fachangestellte und zusätzliche Befugnisse für Apotheken. All das soll die Hausärzte entlasten und junge Mediziner zur Niederlassung motivieren.
Bundesrat stoppt Sparpaket – und verschärft die Lage
Ein entscheidender Baustein von Warkens Reformagenda war das von Bundesregierung und Bundestag beschlossene Sparpaket für die gesetzlichen Krankenkassen. Doch der Bundesrat stoppte das Paket, da es direkt mit dem Pflegekompetenzgesetz verknüpft war, das in der Länderkammer keine Zustimmung fand.
Viele Länder kritisierten, dass die Sparmaßnahmen die ohnehin angeschlagenen Kliniken weiter belasten könnten. Viele Krankenhäuser kämpfen mit Personalnot, Inflation, gestiegenen Energiekosten und Investitionsstaus. Weitere Einsparungen wären aus Sicht der Länder ein Risiko für die Grundversorgung.
Warken widerspricht dem: Man wolle das System nicht „kaputtsparen“, aber man müsse sich der Frage stellen, welche Strukturen und Leistungen dauerhaft finanzierbar sind. Unterschiedliche Menschen und Institutionen hätten dabei völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine echte „Leistungskürzung“ darstellt.
Wo Warken sparen will – und wo die roten Linien verlaufen
Warken betont, dass bei den Reformen wenig tabu sein dürfe. Sie nennt mehrere Optionen, die geprüft werden sollen:
- höhere Zuzahlungen
- strukturelle Änderungen in der Krankenhauslandschaft
- effizientere Versorgungswege
- moderne Digitalisierung, um Kosten zu senken
- Streichung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern
Diese Maßnahmen sind politisch sensibel, würden jedoch große finanzielle Effekte bringen.
Ein Thema allerdings schließt sie klar aus: Eine Altersgrenze für teure Medikamente. Ein Vorschlag aus den Reihen der CDU hatte zuletzt die Frage aufgeworfen, ob hochbetagten Menschen noch teure Medikamente verschrieben werden sollten, wenn der Nutzen statistisch sehr gering ist. Warken lehnt solche Überlegungen aus ethischen und verfassungsrechtlichen Gründen ab.
Dynamischer Bundeszuschuss: Mehr Geld aus dem Haushalt
Ein zentrales strukturelles Problem der GKV ist der stagnierende Bundeszuschuss. Während die Kosten jedes Jahr steigen, bleibt der staatliche Anteil gleich. Warken fordert daher, dass der Zuschuss künftig automatisch mit den Gesundheitsausgaben mitwachsen soll. Das würde das System stabilisieren und weniger abhängig von jährlichen Haushaltsverhandlungen machen.
Doch auch hier stehen große politische Konflikte bevor. Der Bundeshaushalt ist angespannt, zusätzliche Verpflichtungen in Milliardenhöhe werden schwierig durchsetzbar sein.
TK-Chef warnt: 2026 droht eine Welle von Beitragserhöhungen
Kurz nach dem Stopp des Sparpakets meldete sich der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, mit einer deutlichen Warnung. Die gesetzlichen Krankenkassen müssten ihre Rücklagen erhöhen und ihre steigenden Ausgaben decken. Deshalb seien höhere Beiträge im Jahr 2026 unausweichlich.
Er geht davon aus, dass der durchschnittliche Zusatzbeitrag 2026 voraussichtlich über drei Prozent steigen wird. Bereits 2025 hatten die Zusatzbeiträge einen deutlichen Sprung gemacht und Millionen Arbeitnehmer finanziell stärker belastet. Selbst ein Kompromiss im Vermittlungsausschuss könnte laut Baas zu spät kommen, um die Beitragssätze für 2026 noch zu stabilisieren.
Expertenkommission arbeitet an langfristigen Lösungen
Eine Expertenkommission wurde im September eingesetzt, um Vorschläge zur Stabilisierung der Beiträge ab 2027 zu erarbeiten. Bis März sollen erste Empfehlungen vorliegen, bis Ende 2026 eine umfassende Reformstrategie.
Doch der Zeitdruck ist enorm. Neben der Reform der ambulanten Versorgung stehen gleichzeitig die Krankenhausreform, der Ausbau digitaler Infrastrukturen, die Neuorganisation der Pflege, die Regulierung hochpreisiger Medikamente und massive Personalengpässe im Raum. Viele Fachleute bezweifeln, dass all diese Herausforderungen innerhalb weniger Jahre grundlegend gelöst werden können.
Ein System zwischen Anspruch und Realität
Das deutsche Gesundheitssystem steht im Spannungsfeld zwischen hohen Erwartungen und knapper werdenden Ressourcen. Die Bevölkerung erwartet ein leistungsfähiges, wohnortnahes, solidarisches und technologisch modernes System. Doch die Finanzierung reicht bisher nicht aus, um diesen Anspruch langfristig zu erfüllen.
Die anstehenden Entscheidungen betreffen sensible Bereiche: persönliche Zuzahlungen, Beitragssätze, die Versorgung in Krankenhäusern, den Zugang zu Medikamenten und die Struktur ärztlicher Leistungen. Reformen im Gesundheitssystem gehören daher zu den schwierigsten politischen Aufgaben überhaupt. Sie treffen jeden Menschen – unmittelbar und existenziell.
Warken versucht einen Mittelweg: tiefgreifende Strukturreformen ohne unsoziale Schockmaßnahmen, aber mit ehrlicher Analyse der finanziellen Grenzen. Wie dieser Kurs politisch und gesellschaftlich aufgenommen wird, hängt stark von der Ausgestaltung der kommenden Monate ab.
Ausblick: Ein Jahrzehnt der Weichenstellungen
Deutschland steht vor einer Phase, in der das Gesundheitssystem neu gedacht werden muss. Der demografische Wandel, die Digitalisierung, der Fachkräftemangel und die steigenden Kosten zwingen die Politik zu grundlegenden Entscheidungen.
Ob ein Primärarztsystem, dynamisierte Bundeszuschüsse, höhere Eigenbeteiligungen oder tiefgreifende Strukturreformen – alle Wege haben Gewinner und Verlierer. Das einzige, was sicher ist: Der Status quo kann nicht bleiben. Die Entscheidungen von heute werden bestimmen, wie sich die medizinische Versorgung in Deutschland in den nächsten 10 bis 20 Jahren entwickelt.
Nina Warken hat sich festgelegt: Vieles ist möglich, eine allgemeine Praxisgebühr jedoch nicht. Die Frage, wie das System dennoch stabilisiert werden kann, wird die politische Debatte in den kommenden Jahren prägen – und sie wird schwieriger, je länger die Reformen aufgeschoben werden.
Reformen im Gesundheitssystem – Wir bleiben am Ball für Sie. BerlinMorgen.
Portraitfoto Nina Warken BMG Jan Pauls




























