Wie die Telekom mitten in München ein neues digitales Kraftwerk errichtet
KI aus dem Keller – Mitten in München, verborgen unter einem traditionsreichen Büroquartier nahe dem Englischen Garten, entsteht derzeit eines der ambitioniertesten Technologieprojekte Deutschlands. Die Deutsche Telekom hat dort ein KI-Rechenzentrum in Betrieb genommen, das nicht nur wegen seiner enormen Rechenleistung Aufmerksamkeit erregt, sondern auch wegen seines Standorts, seines Energie- und Wärmekonzepts sowie seiner strategischen Bedeutung für die digitale Souveränität Europas. Es ist ein Projekt, das zeigt, wie sich industrielle KI, Stadtentwicklung, Energiepolitik und Geopolitik zunehmend miteinander verschränken.
Ein Milliardenprojekt im Untergrund der Stadt – KI aus dem Keller
Der Einstieg der Deutschen Telekom in den großskaligen Betrieb von KI-Rechenzentren markiert einen Wendepunkt für den Konzern. Während sich der Bonner Konzern in den vergangenen Jahren vor allem als Netzbetreiber, Mobilfunkanbieter und klassischer Cloud-Dienstleister positionierte, wird nun deutlich: Künstliche Intelligenz soll zu einem neuen strategischen Kernfeld werden.

Das Münchner KI-Rechenzentrum ist dabei kein kleines Pilotprojekt, sondern ein Vorhaben mit erheblicher finanzieller Tragweite. Rund eine Milliarde Euro investiert die Telekom in den Aufbau der Infrastruktur. Herzstück der Anlage sind rund 10.000 Hochleistungs-Grafikprozessoren des US-Chipherstellers Nvidia, die speziell für das Training und den Betrieb komplexer KI-Modelle ausgelegt sind. Damit spielt die Anlage in einer Liga, die in Deutschland bislang nur von wenigen Supercomputern erreicht wird.
Zum Vergleich: Der derzeit leistungsstärkste Supercomputer des Landes, „Jupiter“ im Forschungszentrum Jülich, arbeitet mit rund 24.000 Grafikprozessoren. Dass ein privatwirtschaftlicher Konzern nun in ähnliche Dimensionen vorstößt, unterstreicht die wachsende Bedeutung von KI nicht nur für die Forschung, sondern vor allem für industrielle Anwendungen.
Schneller Start dank vorhandener Infrastruktur – KI aus dem Keller
Bemerkenswert ist nicht nur die Größe des Projekts, sondern auch sein Tempo. Zwischen der öffentlichen Ankündigung und dem operativen Start des Rechenzentrums lagen nur wenige Monate. Möglich wurde diese Geschwindigkeit, weil die Telekom nicht neu bauen musste. Stattdessen nutzt sie ein vollständig modernisiertes Bestandsrechenzentrum, das früher von der HypoVereinsbank betrieben wurde.
Das Gebäude liegt im Münchner Tucherpark, einem Büroquartier aus den 1960er-Jahren, das direkt an den Englischen Garten grenzt. Von außen ist kaum zu erkennen, welche technologische Hochleistungsinfrastruktur sich darunter verbirgt. Das Rechenzentrum erstreckt sich über sechs unterirdische Stockwerke – ein gewaltiger technischer Kosmos im Verborgenen.
Diese Entscheidung ist strategisch klug: Genehmigungsverfahren, Bauzeiten und städtebauliche Konflikte werden minimiert, während gleichzeitig eine Infrastruktur genutzt wird, die bereits auf höchste Sicherheits- und Verfügbarkeitsanforderungen ausgelegt war.
KI aus dem Keller – Warum ausgerechnet München?
Die Wahl des Standorts ist kein Zufall. München gilt seit Jahren als einer der wichtigsten Industrie- und Technologiestandorte Europas. Zahlreiche Großunternehmen, Hightech-Zulieferer und innovative Start-ups haben hier ihren Sitz oder betreiben zentrale Entwicklungsstandorte.
Für KI-Anwendungen spielt dabei ein Faktor eine entscheidende Rolle: Latenz. Je kürzer die Datenlaufzeiten zwischen Rechenzentrum und Nutzer sind, desto leistungsfähiger und zuverlässiger lassen sich KI-Systeme in Echtzeit einsetzen. Gerade in der Industrie, in der Robotik, in der Fahrzeugentwicklung oder in der Simulation komplexer Prozesse sind Millisekunden oft entscheidend.
Unternehmen wie BMW, Siemens oder Airbus betreiben in und um München hochsensible Entwicklungs- und Produktionsprozesse, bei denen KI zunehmend eine zentrale Rolle spielt. Hinzu kommen zahlreiche Robotik-Start-ups und spezialisierte KI-Unternehmen, die auf eine leistungsfähige, sichere und vor allem nahegelegene Recheninfrastruktur angewiesen sind.
Indem die Telekom ihre KI-Rechner nicht in ein abgelegenes Gewerbegebiet, sondern mitten in die Stadt bringt, erfüllt sie genau diese Anforderungen.
Hitze als Herausforderung – und als Ressource
Leistungsfähige KI-Hardware hat einen entscheidenden Nachteil: Sie erzeugt enorme Hitze. Moderne Grafikprozessoren arbeiten an der Grenze des physikalisch Machbaren, was den Energieverbrauch und die Abwärme massiv erhöht. Klassische Kühlsysteme stoßen hier schnell an ihre Grenzen – insbesondere in dicht bebauten urbanen Räumen.
Die Telekom setzt in München deshalb auf ein außergewöhnliches Kühlkonzept. Direkt neben dem Rechenzentrum fließt der Eisbach, ein Nebenarm der Isar, der durch den Englischen Garten bekannt ist. Sein kaltes Wasser wird genutzt, um die Server effizient zu kühlen. Dabei wird das Wasser nicht einfach erwärmt und zurückgeleitet, sondern die entstehende Abwärme gezielt weiterverwendet.
Geplant ist, das gesamte Quartier Tucherpark künftig mit der Abwärme des Rechenzentrums zu versorgen. Büros, Gewerbeflächen und möglicherweise auch angrenzende Gebäude sollen so beheizt werden. Was lange als Abfallprodukt galt, wird damit zu einem zentralen Baustein eines nachhaltigen Energiekonzepts.
Zugleich betont die Telekom, dass das Rechenzentrum vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben wird und auf maximale Energieeffizienz ausgelegt ist. Angesichts des steigenden Strombedarfs von KI-Anwendungen ist das ein wichtiger Faktor – auch für die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Großprojekte.
KI als industrielle Infrastruktur – KI aus dem Keller
Das Münchner Rechenzentrum ist nicht als offene Massenplattform für jedermann gedacht. Vielmehr positioniert sich die Telekom bewusst in einer spezialisierten Nische: Hochsichere KI-Rechenzentren für Industrie, kritische Infrastruktur und stark regulierte Branchen.
Während US-amerikanische Cloud-Giganten wie Amazon Web Services, Microsoft Azure oder Google Cloud weltweit skalierbare Standardlösungen anbieten, setzt die Telekom auf Nähe, Sicherheit und regulatorische Kontrolle. Es geht weniger um den globalen Wettbewerb um die größte Plattform, sondern um maßgeschneiderte Lösungen für konkrete industrielle Anwendungsfälle.
In Deutschland und Europa liegt genau hier ein strategischer Hebel. Viele Unternehmen wollen KI einsetzen, scheuen jedoch davor zurück, hochsensible Produktions-, Entwicklungs- oder Kundendaten in außereuropäische Cloud-Infrastrukturen auszulagern. Die Sorge vor Datenabfluss, rechtlichen Grauzonen und politischem Zugriff ist real.
Datensouveränität als Geschäftsmodell – KI aus dem Keller
Ein zentrales Verkaufsargument der Telekom ist daher das Thema Datensouveränität. Die sogenannte „Souveräne Cloud“ garantiert, dass Daten physisch in Deutschland verbleiben und ausschließlich dem europäischen und deutschen Recht unterliegen.
Im Unterschied dazu unterliegen US-Cloud-Anbieter Gesetzen wie dem US Cloud Act, der US-Behörden unter bestimmten Voraussetzungen Zugriff auf Daten ermöglicht – selbst dann, wenn diese außerhalb der USA gespeichert sind. Auch wenn solche Zugriffe in der Praxis selten sind, erzeugt allein die rechtliche Möglichkeit bei vielen Unternehmen erhebliches Unbehagen.
Die Telekom nutzt diesen Vertrauensvorsprung gezielt. Gerade in Branchen wie Automobilbau, Maschinenbau, Energieversorgung oder öffentlicher Verwaltung kann Datensouveränität zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.
Politische Rückendeckung – und politische Forderungen
Die Eröffnung des Münchner KI-Rechenzentrums wurde bewusst politisch inszeniert. Vertreter der Bundesregierung und der bayerischen Landesregierung unterstrichen die Bedeutung des Projekts für den Standort Deutschland. Es geht nicht nur um ein einzelnes Rechenzentrum, sondern um die Frage, ob Deutschland im globalen KI-Wettlauf eine eigenständige Rolle spielen kann.
Gleichzeitig macht die Telekom keinen Hehl aus den strukturellen Herausforderungen. Einer der größten Kostenfaktoren ist die Energieversorgung. Strompreise in Deutschland zählen im internationalen Vergleich zu den höchsten. Für energieintensive Infrastrukturen wie KI-Rechenzentren ist das ein handfester Wettbewerbsnachteil.
Der Konzern warnt daher offen davor, dass Investitionen künftig vermehrt in Länder mit günstigeren Rahmenbedingungen abwandern könnten – etwa nach Skandinavien, wo Strom aus Wasserkraft und Windenergie deutlich günstiger ist. Das Münchner Projekt ist damit auch ein Testfall dafür, ob Deutschland in der Lage ist, wettbewerbsfähige Bedingungen für digitale Schlüsselindustrien zu schaffen.
Wettbewerb mit den US-Giganten: David gegen Goliath?
Auf den ersten Blick wirkt das Kräfteverhältnis im globalen Cloud- und KI-Markt eindeutig. Die großen US-Konzerne investieren jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge in neue Rechenzentren, Chips und Softwareplattformen. Dagegen erscheint selbst eine Milliarde Euro fast bescheiden.
Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Die Telekom versucht nicht, die US-Giganten in ihrer eigenen Disziplin zu schlagen. Stattdessen konzentriert sie sich auf einen klar umrissenen Markt: industrielle Hochleistungs-KI mit höchsten Anforderungen an Sicherheit, Verfügbarkeit und rechtliche Kontrolle.
Gerade in Europa könnte dieses Modell Schule machen. Statt auf wenige zentrale Hyperscaler zu setzen, entsteht ein Netzwerk spezialisierter, regional verankerter KI-Infrastrukturen, die eng mit Industrie, Forschung und öffentlicher Hand verzahnt sind.
KI aus dem Keller – Urbanes Rechenzentrum als Zukunftsmodell?
Dass ein solches Hochleistungsrechenzentrum mitten in einer Großstadt entsteht, ist auch städtebaulich bemerkenswert. Lange galten Rechenzentren als anonyme Zweckbauten am Stadtrand. Das Münchner Projekt zeigt, dass sie auch integraler Bestandteil urbaner Infrastruktur sein können – vorausgesetzt, sie werden intelligent geplant.
Die Nutzung von Abwärme, die Integration in bestehende Quartiere und die Nähe zu den Nutzern könnten zum Vorbild für zukünftige Projekte werden. Gerade in Zeiten, in denen Städte nach neuen Wegen suchen, Energie effizienter zu nutzen und Flächen mehrfach zu verwenden, eröffnet dieses Modell neue Perspektiven.
Ein Signal über München hinaus – KI aus dem Keller
Das KI-Rechenzentrum der Telekom ist mehr als ein technisches Großprojekt. Es ist ein Signal an Industrie, Politik und Gesellschaft. Es zeigt, dass Deutschland nicht zwangsläufig Zuschauer der globalen KI-Entwicklung bleiben muss, sondern eigene Akzente setzen kann – dort, wo technologische Exzellenz, industrielle Stärke und rechtliche Verlässlichkeit zusammenkommen.
Ob dieses Modell langfristig erfolgreich ist, wird sich erst zeigen. Klar ist jedoch schon jetzt: Mit dem Schritt in den Münchner Untergrund hat die Telekom eine Debatte angestoßen, die weit über die Stadtgrenzen hinausreicht. Es geht um die Frage, wie Europa seine digitale Zukunft gestalten will – und welche Rolle KI dabei spielen soll.
KI aus dem Keller – Wir bleiben am Ball für Sie. BerlinMorgen.
KI aus dem Keller Foto Robert Kneschke/ adobe.com



























