Vietnam macht Erinnerung zur Staatsaufgabe
Mit einer landesweiten Kampagne für Kriegsveteranen, Hinterbliebene und Familien von Gefallenen verbindet Hanoi Sozialpolitik, historische Aufarbeitung und nationale Geschlossenheit
Vietnam steht wirtschaftlich für Aufbruch, Industrialisierung und wachsende internationale Verflechtung. Gleichzeitig bleibt die politische und gesellschaftliche Ordnung des Landes eng mit den Erfahrungen des Unabhängigkeitskampfes, der Revolution und der jahrzehntelangen Kriege verbunden. Wie stark diese historische Kontinuität bis heute wirkt, zeigte sich am 23. Juli 2026 bei einer nationalen Gedenkkonferenz in Hanoi.
Anlässlich des 79. Jahrestages des vietnamesischen Tages der Kriegsinvaliden und Gefallenen rief Premierminister Lê Minh Hưng eine landesweite Bewegung zur intensiveren Betreuung jener Menschen ins Leben, die sich nach vietnamesischer Definition um Revolution, Unabhängigkeit und Landesverteidigung verdient gemacht haben. Dazu gehören nicht nur ehemalige Soldaten und Widerstandskämpfer, sondern auch Kriegsversehrte, Angehörige von Gefallenen, sogenannte „Vietnamesische Heldenmütter“, Opfer chemischer Kampfstoffe sowie deren Familien.
Der politische Vorstoß ist weit mehr als eine weitere sozialstaatliche Initiative. Er zeigt, wie Vietnam historische Erinnerung institutionalisiert, gesellschaftliche Loyalität fördert und staatliche, private sowie technologische Ressourcen für ein nationales Gemeinschaftsprojekt mobilisiert.
Mehr als 9,2 Millionen anerkannte Anspruchsberechtigte
Die Größenordnung des Programms verdeutlicht, wie tief die Kriegs- und Revolutionsgeschichte in die vietnamesische Gesellschaft hineinreicht. Nach Angaben des vietnamesischen Innenministeriums wurden bislang mehr als 9,2 Millionen Menschen offiziell als Personen mit besonderen Verdiensten anerkannt.
Unter ihnen befinden sich:
- mehr als 1,2 Millionen Gefallene,
- über 650.000 Kriegsversehrte und ihnen gleichgestellte Anspruchsberechtigte,
- mehr als 132.000 „Vietnamesische Heldenmütter“,
- über 320.000 Widerstandskämpfer und deren Kinder, die von chemischen Kampfstoffen betroffen sind.
Hinter diesen Zahlen stehen generationenübergreifende Schicksale. Viele Familien tragen die Folgen der Kriege bis heute – durch körperliche Versehrtheit, ungeklärte Vermisstenfälle, gesundheitliche Spätfolgen oder das Fehlen eines identifizierten Grabes.
Nach Darstellung der Regierung verfügen inzwischen 99 Prozent der Haushalte anerkannter Anspruchsberechtigter über einen Lebensstandard, der mindestens dem durchschnittlichen Niveau ihres jeweiligen Wohnortes entspricht. Diese Kennzahl ist politisch bedeutsam: Die Versorgung der Kriegsgeneration wird nicht allein als Fürsorge verstanden, sondern als sichtbarer Maßstab für die Handlungsfähigkeit und moralische Verpflichtung des Staates.

175.000 Gefallene sind noch immer nicht gefunden
Trotz jahrzehntelanger Such- und Identifizierungsarbeit bleibt die historische Aufarbeitung unvollendet. Rund 175.000 sterbliche Überreste vietnamesischer Gefallener wurden nach Regierungsangaben bislang nicht gefunden. Weitere etwa 230.000 Gräber konnten noch keiner Person zweifelsfrei zugeordnet werden.
Für die betroffenen Familien bedeutet dies, dass der Krieg auch mehr als fünf Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung des Landes nicht abgeschlossen ist. Hinterbliebene wissen teilweise bis heute nicht, wo ihre Angehörigen ums Leben kamen oder bestattet wurden.
Die vietnamesische Regierung bezeichnet diese Situation ausdrücklich als fortbestehenden nationalen Schmerz. Die Suche nach Gefallenen erhält dadurch eine doppelte Funktion: Sie ist einerseits eine humanitäre Verpflichtung gegenüber den Familien, andererseits Teil einer staatlich getragenen Erinnerungspolitik.
Mit einer auf 500 Tage angelegten Kampagne soll die Suche, Bergung und Identifizierung nun weiter beschleunigt werden. Im Rahmen der bisherigen Maßnahmen wurden laut Regierungsbericht bereits 1.482 sterbliche Überreste sowie sieben Gemeinschaftsgräber gefunden.
Hinzu kommt die Beseitigung von Minen und explosiven Kriegsresten. Insgesamt seien 8.462 Hektar Gelände geräumt worden. Im besonders schwer umkämpften Kerngebiet von Vị Xuyên gelten die Räumungsarbeiten nach offiziellen Angaben als weitgehend abgeschlossen.
DNA-Datenbanken sollen Jahrzehnte der Ungewissheit beenden
Bemerkenswert ist der starke technologische Schwerpunkt der Kampagne. Vietnam setzt zunehmend auf DNA-Analysen, digitale Datenbanken und die Verknüpfung biologischer Proben mit staatlichen Bevölkerungsdaten.
Bislang wurden Proben aus 71.491 nicht identifizierten Gräbern entnommen. Gleichzeitig sammelten die Behörden ungefähr 243.000 biologische Proben von möglichen Angehörigen. Rund 66.000 Datensätze wurden bereits analysiert und mit der nationalen Bevölkerungsdatenbank abgeglichen.
Damit verbindet Vietnam moderne Verwaltungstechnologie mit einer der emotionalsten Aufgaben des Staates. Digitalisierung erscheint hier nicht als abstraktes Modernisierungsprojekt, sondern als konkretes Instrument, um Familien nach Jahrzehnten Gewissheit zu verschaffen.
Jede erfolgreiche Identifizierung ermöglicht eine namentliche Zuordnung, eine formelle Rückführung und häufig auch eine Bestattung in der Heimatregion. Für die Angehörigen ist dies nicht nur ein administrativer Vorgang. Es kann das Ende einer jahrzehntelangen Suche bedeuten.
Zugleich zeigt das Programm, wie weitreichend Vietnam inzwischen bereit ist, staatliche Datenbestände für gesellschaftspolitische Großprojekte einzusetzen. Die Verbindung von DNA-Profilen, Angehörigendaten und Bevölkerungsregistern kann die Identifizierungsarbeit erheblich beschleunigen. Sie setzt allerdings leistungsfähige Behörden, verlässliche Verfahren und einen verantwortungsvollen Umgang mit sensiblen persönlichen Daten voraus.
Unternehmen sagen nahezu zwölf Billionen Dong zu
Die neue Bewegung soll nicht allein aus staatlichen Mitteln getragen werden. Premierminister Lê Minh Hưng rief ausdrücklich Unternehmen, Banken, gesellschaftliche Organisationen, Privatpersonen, Auslandsvietnamesen und internationale Partner zur Beteiligung auf.
Bereits während der Konferenz sagten Konzerne, Unternehmen und Finanzinstitute nach offiziellen Angaben Unterstützungsleistungen von nahezu zwölf Billionen vietnamesischen Dong zu. Dabei handelt es sich zunächst um angekündigte Beiträge; über Auszahlungsmodalitäten, zeitliche Verteilung und konkrete Einzelprojekte enthält die vorliegende Regierungsmitteilung keine näheren Angaben.
Die Mobilisierung der Wirtschaft folgt einem in Vietnam regelmäßig erkennbaren Muster: Nationale Entwicklungs- oder Sozialziele werden nicht ausschließlich als Aufgabe des Staatshaushalts betrachtet. Auch staatliche Konzerne, private Unternehmen, Banken, gesellschaftliche Verbände und vermögende Einzelpersonen sollen Verantwortung übernehmen.
Vorgesehen sind unter anderem der Bau sogenannter Dankbarkeitshäuser, finanzielle Unterstützungsfonds, Sparprogramme für Anspruchsberechtigte, die Betreuung schwer verwundeter Veteranen und die dauerhafte Versorgung der „Vietnamesischen Heldenmütter“.
Darüber hinaus sollen Unternehmen moderne Geräte und technische Systeme bereitstellen, die bei der Suche nach Gräbern, der Untersuchung von Gelände und der Identifizierung menschlicher Überreste eingesetzt werden können.
Erinnerungspolitik als Fundament staatlicher Legitimität
Politisch lässt sich die Kampagne auf drei Ebenen einordnen.
Erstens erfüllt sie eine konkrete sozialpolitische Funktion. Veteranen, Kriegsversehrte, Opfer chemischer Kampfstoffe und Hinterbliebene benötigen medizinische, finanzielle und soziale Unterstützung. Viele Betroffene sind inzwischen hochbetagt. Damit wächst der Handlungsdruck, bestehende Programme nicht nur fortzuführen, sondern zu beschleunigen.
Zweitens stärkt die Politik die historische Legitimation des Staates. Die heutige Sozialistische Republik Vietnam versteht sich als Ergebnis des revolutionären Kampfes, der nationalen Befreiung und der staatlichen Wiedervereinigung. Die Versorgung jener Menschen, die dafür gekämpft oder persönliche Opfer gebracht haben, wird deshalb als moralische Verpflichtung des gesamten politischen Systems dargestellt.
Die Regierung verwendet hierfür traditionelle Leitbegriffe wie „Wer Wasser trinkt, gedenkt der Quelle“ und „Dankbarkeit vergelten“. Historische Erinnerung wird dadurch nicht auf staatliche Gedenktage beschränkt. Sie soll als gesellschaftliche Norm in Familien, Schulen, Unternehmen und öffentlichen Institutionen verankert werden.
Drittens dient die Kampagne der nationalen Integration. Premierminister Lê Minh Hưng richtete seinen Aufruf ausdrücklich auch an Vietnamesen im Ausland. Die Erinnerung an Gefallene und Kriegsopfer soll somit eine Verbindung zwischen der Bevölkerung im Land und der weltweiten vietnamesischen Gemeinschaft herstellen.
Vorbereitung auf den 80. Jahrestag im Jahr 2027
Die Initiative ist zugleich Teil der Vorbereitungen auf den 80. Jahrestag des Tages der Kriegsinvaliden und Gefallenen am 27. Juli 2027.
Bis dahin sollen mehrere prioritäre Aufgaben vorangetrieben werden. Dazu gehören die weitere Suche nach vermissten Gefallenen, die Identifizierung unbekannter Gräber, die Verbesserung bestehender Sozialleistungen sowie der Bau von Wohnraum für Kinder ehemaliger Widerstandskämpfer, die durch chemische Kampfstoffe gesundheitlich geschädigt wurden.
Als politische Grundlage verweist die Regierung unter anderem auf eine Richtlinie des Parteisekretariats aus dem Jahr 2017, eine Entscheidung vom 24. Juni 2026 zu den Vorbereitungen des 80. Jahrestages und auf Änderungen der gesetzlichen Regelungen zur bevorzugten Behandlung anerkannter Anspruchsberechtigter.
Damit wird deutlich, dass es sich nicht um eine kurzfristige Spendenaktion handelt. Die Bewegung ist in die politische Planung der Partei- und Staatsführung eingebettet und soll von zentralen Behörden bis in die Provinzen und Gemeinden umgesetzt werden.
Geschichte wird in konkrete Leistungen übersetzt – Vietnam macht Erinnerung zur Staatsaufgabe
Der vietnamesische Ansatz unterscheidet sich von einer rein symbolischen Erinnerungskultur. Gedenken soll sich nach dem Willen der Regierung in überprüfbaren materiellen Leistungen niederschlagen: in Wohnungen, medizinischer Betreuung, finanzieller Unterstützung, Grabidentifizierungen, Minenräumung und der Rückgabe persönlicher Gegenstände an Familien.
Besonders emotional war auf der Konferenz die Übergabe von erhalten gebliebenen Briefen, Tagebüchern, Rucksäcken und anderen persönlichen Gegenständen gefallener Soldaten. Solche Objekte werden von der Regierung als Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart inszeniert. Sie geben anonymen Opferzahlen Namen, Biografien und familiäre Zusammenhänge zurück.
Gerade hierin liegt die politische Kraft der Initiative. Der Staat präsentiert sich nicht nur als Verwalter historischer Ansprüche, sondern als Vermittler zwischen den Gefallenen, ihren Angehörigen und den nachfolgenden Generationen.
Ein nationales Projekt mit langfristiger Bedeutung
Vietnams neue Bewegung zur Betreuung von Menschen mit besonderen Verdiensten verbindet soziale Fürsorge, historische Aufarbeitung, digitale Modernisierung und politische Identitätsbildung.
Die zentrale Botschaft der Regierung lautet: Der wirtschaftliche Aufstieg und die zunehmende internationale Bedeutung Vietnams dürfen nicht von den Opfern getrennt werden, auf denen der heutige Staat nach eigener Auffassung aufgebaut ist.
Für außenstehende Beobachter liefert die Kampagne deshalb einen wichtigen Einblick in das politische Selbstverständnis des Landes. Vietnam definiert Modernisierung nicht als Abkehr von seiner revolutionären Vergangenheit. Vielmehr soll technischer und wirtschaftlicher Fortschritt dazu eingesetzt werden, historische Verpflichtungen wirkungsvoller zu erfüllen.
Ob die hochgesteckten Ziele erreicht werden, wird sich an konkreten Ergebnissen messen lassen müssen: an der tatsächlichen Auszahlung zugesagter Mittel, an verbesserten Lebensbedingungen, an der Zahl erfolgreich identifizierter Gefallener und an der Transparenz der eingesetzten Verfahren.
Unabhängig davon ist die politische Richtung klar. Vietnam erklärt die Erinnerung an seine Gefallenen und die Versorgung der Kriegsgeneration nicht zu einer Aufgabe der Vergangenheit, sondern zu einem zentralen Bestandteil seiner staatlichen Zukunftsstrategie.
Quellengrundlage dieses Artikels ist die bereitgestellte Mitteilung der vietnamesischen Regierungsplattform Chinhphu.vn. Die genannten Zahlen und politischen Aussagen beruhen auf dieser offiziellen Regierungsdarstellung und wurden im Ausgangsmaterial nicht durch unabhängige Quellen ergänzt.
Vietnam macht Erinnerung zur Staatsaufgabe – Wir bleiben am Ball für Sie. BerlinMorgen.

























