Berlin (Berlin Morgen Zeitschrift) – Die Kreditkosten der größten Volkswirtschaften der Welt sind auf ein Niveau gestiegen, das seit Jahren oder in einigen Fällen seit Jahrzehnten nicht mehr erreicht wurde. Dies weckt erneut die Sorge, dass die Inflation hartnäckiger sein könnte als von den Zentralbanken erwartet. Ursache für den jüngsten Preisrückgang an den Anleihemärkten sind vor allem steigende Renditen langfristiger Staatsanleihen, die sich unmittelbar auf die Finanzierung von Hypotheken, Unternehmen und hoch verschuldeten Staaten auswirken. Der deutsche Finanzminister Lars Klingbeil führte diese Entwicklung in einem Interview am Montag auf die US-Außenpolitik unter Präsident Donald Trump zurück.
Was sagte der deutsche Finanzminister?
Bei einer Pressekonferenz im liechtensteinischen Schaan, an der auch die Finanzminister der anderen deutschsprachigen Länder teilnahmen, äußerte sich Klingbeil deutlich zum jüngsten Renditeanstieg.
„Der jüngste Anstieg der Anleiherenditen ist eine Folge des Krieges von US-Präsident Donald Trump gegen den Iran“,
sagte er laut Reuters.
Er führte weiter aus, dass die Marktbewegungen unmittelbar mit dem geopolitischen Schock im Nahen Osten zusammenhängen.
„Der Anstieg der Zinsen in den vergangenen Tagen und Wochen ist das Ergebnis der globalen Unsicherheit, die durch Donald Trumps Krieg gegen den Iran ausgelöst wurde“,
fügte Klingbeil hinzu. Damit stellte er die aktuellen Turbulenzen an den Finanzmärkten als direkte Folge der US-Militäreskalation dar und nicht lediglich als ein innenpolitisches oder binnenwirtschaftliches Problem der Eurozone.
Wie stark sind die deutschen und europäischen Renditen gestiegen?
Die Zahlen hinter Klingbeils Aussage sind bemerkenswert. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die als Benchmark für die Finanzierungskosten in der Eurozone gilt, ist auf etwa 3,25 bis 3,27 Prozent gestiegen. Damit erreichte sie den höchsten Stand seit März beziehungsweise Mai 2011 und damit ein Niveau, das seit rund 15 Jahren nicht mehr verzeichnet wurde.
Mitte August erreichte die Rendite zeitweise etwa 3,275 Prozent, bevor sie leicht zurückging und weiterhin nahe an diesen Mehrjahreshöchstständen lag. Auch die Rendite zweijähriger Bundesanleihen, die stärker die Erwartungen an die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank widerspiegelt, stieg auf etwa 2,79 bis 2,81 Prozent. Marktteilnehmer bewerten dadurch die Inflationsaussichten neu.
Der Druck beschränkt sich nicht auf Deutschland. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen liegt auf dem höchsten Niveau seit 2009. Auch Großbritannien und Japan verzeichnen am langen Ende ihrer Zinskurven mehrjährige Höchststände. In den USA erreichte die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen zuletzt den höchsten Stand seit 2007.
Warum lässt ein Krieg im Nahen Osten die Renditen in Europa steigen?
Klingbeils Einschätzung basiert auf einem klaren Übertragungsmechanismus zwischen dem Konflikt und den Finanzierungskosten. Die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran sowie die anhaltenden Drohungen rund um die strategisch wichtige Straße von Hormus haben die Preise für Öl und europäisches Gas in die Höhe getrieben.
Steigende Energiepreise verstärken wiederum die Inflationssorgen, obwohl die EZB versucht, die Inflationserwartungen bei ihrem Ziel von 2 Prozent zu verankern. Die Inflation in der Eurozone beschleunigte sich im Juli 2026 auf 2,9 Prozent und lag damit deutlich über dem Zielwert.
Dadurch reagierten die Märkte besonders empfindlich auf einen möglichen neuen Energieschock. Höhere Energiepreise werden an die Verbraucherpreise sowie an Transport- und Industriekosten weitergegeben. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation länger hoch bleibt.
Anleiheinvestoren verlangen deshalb höhere Renditen als Ausgleich für das gestiegene Inflationsrisiko. Gleichzeitig erhöhen westliche Regierungen ihre Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit – nicht nur wegen des Krieges in der Ukraine, sondern auch aufgrund der Spannungen im Nahen Osten. Das Bundesfinanzministerium verwies darauf, dass steigende Zinsen auch mit der Notwendigkeit „massiver Investitionen in Sicherheit und Verteidigung“ zusammenhängen.
Welche Rolle spielen Haushaltsdefizite und die US-Politik?
Neben Energiepreisen und Verteidigungsausgaben spiegelt der Ausverkauf an den Anleihemärkten auch die Sorgen über die Entwicklung der Staatshaushalte und die Unsicherheit über die US-Politik wider.
Analysten weisen darauf hin, dass „Trumps Politik – von Zöllen bis zum Krieg – die globale Ordnung auf den Kopf stellt“. Dadurch werden die Aussichten für Inflation und Zinssätze unberechenbarer, während gleichzeitig das Aufwärtsrisiko für die Renditen weltweit steigt.
Da der US-Staatsanleihemarkt weiterhin als globaler Referenzmarkt gilt, können Sorgen über den amerikanischen Staatshaushalt und eine kriegsbedingte Inflation auch die Renditen in Europa, Großbritannien und Japan nach oben treiben.
Marktstrategen beschreiben die aktuelle Situation als eine Phase, in der Anleiheinvestoren „Regierungen zur Verantwortung ziehen“, weil hohe Defizite und geopolitische Risiken zunehmend eingepreist werden.
Jonas Goltermann von Capital Economics erklärte, der Renditeanstieg
„deutet darauf hin, dass die Anleger zunehmend die Geduld mit der fiskalischen Verschwendung verlieren“.
Damit verweist er auf das Zusammenspiel aus hohen Haushaltsdefiziten und der Unsicherheit infolge der Kriegsentwicklung.
Vor diesem Hintergrund sind Klingbeils Äußerungen nicht nur als Kritik an der US-Außenpolitik zu verstehen. Sie sind auch ein politisches Signal an deutsche Bürger, die angesichts steigender Hypotheken-, Kredit- und Finanzierungskosten zunehmend über die wirtschaftlichen Folgen der globalen Unsicherheit besorgt sind.



























