Bagdad (Berlin Morgen Zeitschrift) – Der irakische Ministerpräsident Ali al-Zaidi hat am Montag, dem 24. August 2026, in Bagdad hinter verschlossenen Türen Gespräche mit dem deutschen Militärkommandeur Gunther Schneider geführt. Im Mittelpunkt standen die bilaterale Sicherheitskooperation und die Vorbereitungen auf den bevorstehenden Abzug der US-geführten internationalen Koalition aus dem Irak. Nach Angaben des Medienbüros des Ministerpräsidenten ging es bei dem Treffen um „bilaterale Sicherheitsbeziehungen und die Umsetzung gemeinsamer Programme“, die darauf abzielen,
„die Leistungsfähigkeit und Effizienz der irakischen Streitkräfte zu verbessern“,
während Bagdad vor dem Abzug der Koalition die vollständige Kontrolle über seine Sicherheitsarchitektur festigen will.
Was sagten irakische und deutsche Vertreter zu den Gesprächen?
In einer nach dem Treffen veröffentlichten Erklärung betonte al-Zaidi die Notwendigkeit, die Beziehungen zu den Koalitionspartnern in „mehrdimensionale Beziehungen“ zu überführen. Dies deutet auf einen Wandel von einem kampforientierten Beratungsrahmen hin zu einer umfassenderen wirtschaftlichen, entwicklungsbezogenen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit.
Zudem würdigte er Deutschlands
„langjährige Rolle bei der Unterstützung des Irak im Kampf gegen den Terrorismus, insbesondere während der Auseinandersetzung mit Mitgliedern der Terrororganisation ISIS“.
Damit verwies er auf Berlins Beitrag zu Ausbildung, Ausrüstung und Beratung seit 2014.
Beide Seiten überprüften die Vorbereitungen auf den „bevorstehenden Abzug der US-geführten Koalitionstruppen aus dem Irak“. Al-Zaidi bekräftigte zugleich, dass der 30. September 2026 als Frist für das Ende des militärischen Koalitionseinsatzes „endgültig und unumkehrbar“ sei.
Wann und wie wird sich die US-geführte Koalition aus dem Irak zurückziehen?
Der Abzug folgt einer Vereinbarung zwischen Bagdad und Washington aus dem Jahr 2024, mit der die militärische Mission der Globalen Koalition zur Bekämpfung von ISIS im Irak schrittweise beendet werden soll.
Die erste Phase, die ursprünglich im September 2025 abgeschlossen werden sollte, umfasste den Abzug von Koalitionspersonal, die Übergabe von Stützpunkten und den Übergang zu bilateralen Sicherheitspartnerschaften.
Die zweite Phase erstreckt sich bis September 2026. In diesem Zeitraum konnte die Koalition ihre Mission im benachbarten Syrien weiterhin über einen Luftwaffenstützpunkt in Erbil in der irakischen Kurdenregion unterstützen.
Irakische Behörden haben inzwischen bestätigt, dass der 30. September 2026 das
„festgelegte und endgültige Datum für die Beendigung der militärischen Mission der Globalen Koalition zur Bekämpfung von ISIS im Irak und den vollständigen Abzug ihrer Streitkräfte“
sein wird. Auch der Chef des US Central Command, Admiral Brad Cooper, bekräftigte den Zeitplan bei einem Treffen Mitte August in Bagdad.
Wie sieht die aktuelle Sicherheits- und Truppensituation vor Ort aus?
Auf dem Höhepunkt der US-Militärpräsenz im Jahr 2007 waren mehr als 170.000 US-Soldaten im Irak stationiert. Nach dem Sicherheitsabkommen zwischen den USA und dem Irak von 2008 zogen die US-Kampftruppen im Dezember 2011 ab.
Nach dem Wiedererstarken von ISIS kehrte 2014 ein kleineres US-Kontingent zurück, um die irakischen Streitkräfte zu unterstützen. In den vergangenen Jahren waren etwa 2.500 bis 5.000 US-Soldaten im Land, vor allem in beratenden, ausbildenden und schützenden Funktionen.
Die Globale Koalition zur Bekämpfung von ISIS, die 2014 gegründet wurde, vereinte zunächst rund 89 Staaten und internationale Organisationen. Sie führte zunächst Luftangriffe durch und weitete ihre Tätigkeit später auf die Ausbildung und Beratung irakischer Sicherheitskräfte aus.
Deutschlands militärisches Engagement begann ebenfalls im August 2014, als Berlin Waffen an kurdische Peschmerga-Kämpfer lieferte. Im Oktober 2014 entsandte Deutschland anschließend Soldaten nach Erbil, um Peschmerga-Einheiten auszubilden. Damit begann die erste operative deutsche Militärpräsenz in der Region.
Warum drängt der Irak auf einen klaren Bruch mit ausländischen Kampfeinsätzen?
Bagdads Beharren auf dem festen 30. September als Abzugsdatum spiegelt sowohl innenpolitischen Druck als auch das strategische Ziel wider, die vollständige Souveränität über Sicherheitsentscheidungen wiederherzustellen.
Nach dem US-Drohnenangriff im Januar 2020, bei dem der iranische General Qasem Soleimani und der irakische Milizenführer Abu Mahdi al-Muhandis getötet wurden, stimmte das irakische Parlament für den Abzug ausländischer Truppen. 168 von 329 Abgeordneten unterstützten eine Resolution, die den Abzug internationaler Streitkräfte forderte.
Obwohl die Koalitionsmission anschließend neu strukturiert und nicht unmittelbar beendet wurde, blieb die Forderung nach einem Ende ausländischer Kampfeinsätze ein wiederkehrendes politisches Thema.
Die irakische Regierung versucht nun, den Abzug als „strategischen Meilenstein“ darzustellen, der belegen soll, dass Bagdad sein Staatsgebiet ohne ausländische Kampftruppen sichern kann.
Welche Rolle wird Deutschland nach dem Ende der Koalitionsmission spielen?
Deutschland dürfte auch nach dem formellen Ende der militärischen Koalitionsmission ein wichtiger Sicherheitspartner des Irak bleiben.
Der Bundestag hat das Mandat für deutsche Streitkräfte im Irak mehrfach verlängert und zuletzt im Januar 2026 einer einjährigen Verlängerung zugestimmt. Dabei stimmten 477 Abgeordnete für die Fortsetzung der Ausbildungs- und Beratungsmission.
Deutschlands Beitrag konzentriert sich auf die Ausbildung irakischer und kurdischer Sicherheitskräfte, die Bereitstellung militärischer Ausrüstung und die Unterstützung bei der Bekämpfung von ISIS, nicht auf eigenständige Kampfeinsätze.
Die Gespräche im August 2026 über „gemeinsame Programme“ zur Verbesserung der
„Leistungsfähigkeit und Effizienz der irakischen Streitkräfte“
deuten darauf hin, dass die künftige Zusammenarbeit vor allem auf Kapazitätsaufbau, Informationsaustausch und Rüstungskooperation ausgerichtet sein wird – und weniger auf eine große ausländische Truppenpräsenz.
Gab es bereits ähnliche Abzüge und sicherheitspolitische Übergänge?
Der Irak hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehrere große Veränderungen bei der Präsenz ausländischer Streitkräfte erlebt.
Nach dem Sicherheitsabkommen zwischen den USA und dem Irak von 2008 sollten die US-Kampftruppen bis Juni 2009 aus den irakischen Städten abgezogen werden. Der vollständige Abzug war bis zum 31. Dezember 2011 vorgesehen.
US-Präsident Barack Obama bestätigte im Oktober 2011, dass die verbliebenen US-Soldaten bis zum Jahresende das Land verlassen würden. Die letzten US-Kampfverbände überschritten am 18. Dezember 2011 die Grenze nach Kuwait.
Nach dem Aufstieg von ISIS kehrte 2014 erneut eine kleinere US-Präsenz zurück. Der geplante Abzug von 2024 bis 2026 markiert nun das Ende dieses Kapitels.
Auch andere Koalitionspartner haben ihre Präsenz angepasst. Deutschland verlängerte sein Irak-Mandat mehrfach, unter anderem um 15 Monate Ende 2025, während sich die breitere Koalition zunehmend von direkten Kampfunterstützungsaufgaben hin zu Ausbildung und Beratung bewegt hat.
Welche Folgen hat der Abzug für die Sicherheit des Irak und die regionale Ordnung?
Mit dem Abzug der US-geführten Koalition übernimmt der Irak die vollständige Verantwortung für Anti-Terror-Operationen, den Schutz militärischer Einrichtungen und die Sicherung seiner Grenzen, ohne die direkte Unterstützung ausländischer Kampftruppen.
Irakische Behörden stellen diesen Schritt als Übergang zu „vollständiger Selbstständigkeit“ dar. Der Chef der irakischen Terrorismusbekämpfung bezeichnete das Ende der Koalitionsmission als „Übergang zu vollständiger Selbstständigkeit“ und als Beweis dafür, dass die irakischen Streitkräfte die Sicherheit ohne ausländische Truppen gewährleisten können.
Der Übergang erfolgt jedoch vor dem Hintergrund anhaltender Sorgen über bewaffnete Gruppierungen, regionale Konflikte in Syrien und der Golfregion sowie die Notwendigkeit, sämtliche Waffen unter staatliche Kontrolle zu bringen.
Wie al-Zaidi Anfang August gegenüber dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron erklärte, strebt Bagdad „ausgewogene Beziehungen zu den Nachbarstaaten“ an und hat zugesichert, dass irakisches Staatsgebiet nicht für Angriffe auf Nachbarländer genutzt wird. Diese Zusage dürfte nach dem vollständigen Abzug der ausländischen Streitkräfte besonders genau beobachtet werden.



























