Paris (Berlin Morgen Zeitschrift) 19. september 2026 – Der französische Präsident Emmanuel Macron hat den jahrelangen Streit um Europas strategische Autonomie weitgehend gewonnen, da der Begriff im politischen Mainstream angekommen ist. Dennoch steht die Europäische Union vor der Herausforderung, diesen Konsens in konkrete militärische Fähigkeiten und koordinierte Rüstungsprojekte umzusetzen. Angesichts veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen und des Drucks in der Ukrainekrise zeigt sich, ob Europa seine sicherheitspolitische Eigenständigkeit dauerhaft institutionell absichern kann.
Die Idee einer europäischen strategischen Autonomie, die der französische Staatschef seit Beginn seiner Amtszeit vor fast einem Jahrzehnt vehement vertrat, prägt mittlerweile die sicherheitspolitische Debatte auf dem Kontinent. Ursprünglich von vielen europäischen Partnern sowie den Vereinigten Staaten kritisch beäugt, hat sich die Wahrnehmung grundlegend gewandelt. Ob die europäischen Staaten diesen konzeptionellen Wandel in tatsächliche militärische Hardware und Handlungsfähigkeit überführen können, gilt jedoch als ungewiss. Ein entscheidender Prüfstein für diese Entwicklung bleibt der Verlauf des Konflikts in der Ukraine.
Bei den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag am 14. Juli setzte Macron ein symbolisches Signal, indem er die 35 Mitgliedstaaten der sogenannten „Koalition der Willigen“ einlud, an den Pariser Paraden teilzunehmen. Dieses Bündnis vereint Staaten, die die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen die russische Invasion unterstützen. Der Auftritt unterstrich die Position, dass die Stabilität der Ukraine untrennbar mit der Sicherheit des gesamten europäischen Kontinents verknüpft ist.
Neben symbolischen Akten verzeichnet die europäische Verteidigungspolitik spürbare finanzielle und strukturelle Veränderungen. Die Verteidigungshaushalte der europäischen Staaten sind deutlich gestiegen, und paneuropäische Rüstungsprogramme begünstigen zunehmend europäische Industrieunternehmen. Auch traditionelle Skeptiker einer strategischen Eigenständigkeit greifen inzwischen auf die Argumente dieser Philosophie zurück. Dies zeigte sich unter anderem an Reaktionen auf US-amerikanische Bestrebungen hinsichtlich Grönlands sowie an intensivierten Beziehungen zwischen Kanada und der EU, die eine mögliche Form eines assoziierten Status diskutieren.
Institutionelle Reformen und neue Gremien auf EU-Ebene
Die strukturelle Verschiebung spiegelt sich auch in den Organen der Europäischen Union wider. In ihrer Rede zur Lage der Union vor dem Europäischen Parlament in Straßburg schlug EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Errichtung eines Europäischen Sicherheitsrates vor. Dieses Gremium soll die EU, Kanada, Norwegen und das Vereinigte Königreich einbinden. Von der Leyen betonte, dass in der gegenwärtigen geopolitischen Lage ausschließlich Europa den Europäern wahre Souveränität garantieren könne.
Ergänzend dazu unterbreitete sie den Vorschlag für einen Notfall-Sicherheitsmechanismus, der sich an Artikel 4 des Nordatlantikvertrags anlehnt. Dieser soll den Mitgliedstaaten ermöglichen, zeitnah koordinierte Reaktionen auf sicherheitspolitische Bedrohungen zu planen. Der Aufstieg der strategischen Autonomie wurde jedoch durch schwerwiegende externe Krisen beschleunigt. Der Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 konfrontierte den Kontinent mit der größten kriegerischen Bedrohung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Hinzu kamen veränderte politische Konstellationen in den Vereinigten Staaten nach der erneuten Wahl von Donald Trump. Die Ankündigungen der US-Regierung, militärische Kapazitäten in Europa zu reduzieren und Sicherheitsgarantien infrage zu stellen, erzwangen ein Umdenken in den europäischen Hauptstädten. Infolgedessen analysieren europäische Regierungen kritische Fähigkeitslücken und suchen nach Wegen, strategische Ressourcen zu ersetzen, die bislang primär von den USA bereitgestellt wurden. Die Bevorzugung europäischer Rüstungsgüter („European Preference“) sorgte dabei vereinzelt für diplomatische Spannungen mit Washington.
Der Ukraine-Konflikt als zentraler Lackmustest
Besonders im Bereich der Langstreckenwaffen und der Luftverteidigung zeigt sich die historische Abhängigkeit der EU-Staaten von US-amerikanischen Systemen. Während die meisten Mitgliedstaaten über begrenzte eigene Kapazitäten verfügen, hat die Union im vergangenen Jahr zahlreiche gemeinsame Projekte initiiert. Diese zielen darauf ab, gemeinsame operative Anforderungen zu definieren, technische Arbeitsgruppen einzurichten, Governance-Mechanismen zu etablieren und einen Fahrplan für den Aufbau eigener technologischer Fähigkeiten zu entwerfen.
Keine Aufgabe ist für Europa gegenwärtig so drängend wie die Unterstützung der ukrainischen Luftverteidigung. Die Regierung in Kiew leidet unter einem Mangel an Abwehrsystemen. Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte wiederholt die Lieferung von in den USA hergestellten Patriot-Raketen, die als einzige Verteidigungsmittel gegen ballistische Raketen gelten. Für das Jahr 2025 erhielt die Ukraine nach eigenen Angaben jedoch nur rund die Hälfte der im Jahr 2023 bereitgestellten Systeme.
Die Haltung der US-Regierung erwies sich dabei als wechselhaft. Nach Aussagen über mögliche Produktionslizenzen für die Ukraine folgte kurz darauf die Forderung, Europa müsse die alleinige Verantwortung für die ukrainische Verteidigung übernehmen. Die Gründung der „Koalition der Willigen“ gilt als europäische Antwort auf diese unvorhersehbare Unterstützungspolitik aus Washington. Unter der Führung von Frankreich und dem Vereinigten Königreich signalisieren fast alle EU-Mitgliedstaaten ihre Bereitschaft, im Ernstfall auch unabhängig von den USA handlungsfähig zu sein.



























