UT1: Anlässlich des Welttags der psychischen Gesundheit spricht die Psychiaterin Dr. Verica Malinkova Dimovska, MSc, vom Klinischen Krankenhaus Acıbadem Sistina darüber, warum die Sorge um die Psyche nicht auf eine Krise warten sollte, wann der richtige Zeitpunkt ist, Hilfe zu suchen, und warum das kein Zeichen von Schwäche ist
UT2: Jedes Jahr am 10. Oktober spricht die Welt über psychische Gesundheit, den Rest des Jahres schweigt sie meistens. Dieses Schweigen, das sich oft hinter „Mir geht’s gut“ und „Das geht schon vorbei“ versteckt, war der Anlass für dieses Gespräch. Dr. Malinkova Dimovska räumt mit Mythen über Stärke, Medikamente und Internet-Diagnosen auf und bietet eine einfache Formel: Die Sorge um sich selbst sollte nicht erst beginnen, wenn es zu schwer wird.
Sie sagen, psychische Gesundheit sei kein Luxus. Warum behandeln wir sie dann immer noch als etwas Zweitrangiges?
Weil wir bei „Gesundheit“ zuerst an den Körper denken: Fieber, Schmerzen, Blutbild. Doch Psyche und Körper sind keine zwei getrennten Welten, sie stehen ständig im Austausch miteinander. Anhaltender Stress raubt uns Schlaf, Appetit und Konzentration, erhöht den Blutdruck und schwächt das Immunsystem. Umgekehrt können chronische Erkrankungen oder hormonelle Veränderungen die Stimmung ins Wanken bringen. Deshalb ergibt die Frage „Psychisch oder körperlich?“ kaum noch Sinn. Wichtig ist auch noch etwas anderes: Psychische Gesundheit bedeutet nicht, ständig glücklich zu sein. Traurigkeit, Angst und Erschöpfung gehören zum Leben. Das Problem beginnt, wenn wir sie ignorieren.
Wie sieht die Sorge um die Psyche aus, bevor es schwer wird?
Ich vergleiche die Psyche mit einem inneren Zuhause. Wir warten ja auch nicht, bis das Haus einstürzt, um mit der Reparatur zu beginnen. Tägliche Psychohygiene ist wie Zähneputzen: eine halbe Stunde spazieren gehen, ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen, ein Abend ohne Handy, ausreichend Schlaf. Und eine ehrliche Frage an sich selbst: „Wie geht es mir wirklich?“ Viele wissen genau, wie sie sich um alle anderen kümmern, fragen sich selbst aber nie etwas. Wir sollten auch unsere eigenen Alarmsignale kennen. Bei manchen ist es Schlaflosigkeit, bei anderen Reizbarkeit oder der Rückzug von anderen Menschen. Achten Sie auch auf den Bildschirm. Wenn wir in den sozialen Medien die besten Momentaufnahmen anderer sehen und sie mit unserem ganzen Film vergleichen, verlieren wir immer. Und ein Fünfzehn-Sekunden-Video, das Ihnen ein Trauma oder ADHS „diagnostiziert“, ist keine fachliche Abklärung, sondern höchstens ein Anlass, sich eine echte zu holen.
Wo liegt die Grenze, ab der man professionelle Hilfe suchen sollte, und bedeutet das automatisch Medikamente?
Eine magische Grenze gibt es nicht. Ein Signal ist, wenn etwas anhält, sich wiederholt oder beginnt, Ihr Leben zu verändern: Sie schlafen wochenlang schlecht, die Angst lässt nicht nach, Sie haben keine Freude mehr an dem, was Ihnen früher Freude gemacht hat, Sie ziehen sich zurück. Aber Sie müssen nicht „krank genug“ sein. Man muss sich ja auch nicht erst das Bein brechen, um zum Arzt zu gehen. Was Medikamente betrifft: Nicht jede Schwierigkeit erfordert sie. Manchmal reichen Gespräche, Psychotherapie und Veränderungen im Lebensstil aus oder sind die erste Wahl. Wenn die Symptome stärker und länger andauernd sind, kann eine medikamentöse Therapie helfen, aber immer individuell abgestimmt und ärztlich begleitet. Es gibt kein Medikament für alle, genauso wie es keine Brille gibt, die allen passt.
Was würden Sie einem Menschen sagen, der immer noch glaubt, Hilfe zu suchen bedeute, Schwäche einzugestehen?
Dass es genau umgekehrt ist. Ein Mensch kann erfolgreich und gebildet sein, eine Familie und einen sicheren Job haben und trotzdem eine Phase durchmachen, in der es ihm schlecht geht. Hilfe zu suchen heißt nicht, sich selbst aufzugeben, sondern sich bewusst für sich selbst zu entscheiden. Manchmal ist der mutigste Satz: „Mir geht es nicht gut und ich brauche Hilfe.“ Und an alle in seinem Umfeld: Wenn Sie fragen
„Wie geht es dir?“,
warten Sie die Antwort auch ab. Und antworten Sie nicht mit „Anderen geht es noch schlechter.“ Psychische Gesundheit ist wie ein Garten. Wenn wir ihn rechtzeitig pflegen, hat er die Chance, gesund zu bleiben. Sie können schon heute anfangen: mit einer Pause, einem Gespräch und einem
„Wie geht es mir?“.


























