Ottawa (Berlin Morgen Zeitschrift) September 16, 2026 – Angesichts eines eskalierenden Handelskonflikts und gegenseitiger Strafzölle mit den Vereinigten Staaten baut Kanada seine diplomatischen und wirtschaftlichen Bindungen zu Europa und Asien massiv aus. Premierminister Mark Carney treibt dabei eine strategische Neuausrichtung voran, die umfassende Partnerschaften mit der Europäischen Union im Bereich der kritischen Mineralien, der Energieversorgung und der Verteidigungsindustrie umfasst, um die wirtschaftliche Abhängigkeit von Washington zu verringern.
Wirtschaftliche Spannungen und Zölle als Auslöser der Kehrtwende
Der Handelskrieg zwischen den traditionellen nordamerikanischen Partnern verschärfte sich drastisch, nachdem Verhandlungen über Handelsfragen gescheitert waren und die US-Regierung unter Präsident Donald Trump Zölle auf kanadische Waren verhängt hatte. Als Reaktion darauf kündigte die kanadische Regierung Gegenmaßnahmen an. Kanadische Regierungsvertreter erklärten, dass man angesichts der protektionistischen Maßnahmen und des politischen Drucks aus dem Nachbarland kaum Chancen sehe, Gespräche mit der US-Regührung vor den anstehenden Halbzeitwahlen wiederzubeziehen.
Historisch gesehen exportiert Kanada rund 70 Prozent seiner Waren in die Vereinigten Staaten. Das bilaterale Handelsvolumen zwischen den USA und Kanada beläuft sich auf über 850 Milliarden US-Dollar, verglichen mit etwa 147 bis 150 Milliarden US-Dollar im Handel zwischen Kanada und der Europäischen Union. Premierminister Carney betonte vor seiner Reise nach Europa, dass wirtschaftliche Integration zunehmend als Waffe eingesetzt werde, weshalb es für Kanada essenziell sei, die Partnerschaften mit vertrauenswürdigen Verbündeten zu diversifizieren und zu stärken.
Strategische Annäherung an die Europäische Union
Im Rahmen seiner Europa-Reise sucht die kanadische Regierung nach einer neuartigen Allianz mit der EU. Während EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Vorschläge für eine engere institutionelle Einbindung ins Gespräch brachte – darunter Überlegungen zu einer Assoziierung oder erweiterten Kooperationsmodellen –, stellte die kanadische Seite klar, dass man keine vollständige Mitgliedschaft in der Europäischen Union anstrebe, sondern einen eigenständigen, maßgeschneiderten Sicherheits- und Wirtschaftspakt anvisiert.
Zu den diskutierten Punkten gehören die Verringerung von Handelshemmnissen, die Integration der Verteidigungsindustrien sowie visumfreie Arbeitsmöglichkeiten für kanadische Staatsbürger in den EU-Mitgliedstaaten. Konkrete Vereinbarungen und vertiefte Beratungen sollen beim kommenden EU-Kanada-Gipfel in Montreal im späten Oktober formalisiert werden. Bereits zuvor war Kanada als erstes nicht-europäisches Land dem EU-Rüstungsprogramm für gemeinsame Beschaffungen im Volumen von 150 Milliarden Euro beigetreten, um nationalen Rüstungsunternehmen den Zugang zu sichern.
Diversifizierung der Außenbeziehungen nach Asien
Neben der Vertiefung der transatlantischen Partnerschaft mit Europa unternimmt Ottawa auch Schritte zur Wiederbelebung wirtschaftlicher und diplomatischer Kanäle in Asien. Im Zuge des Stopps der US-Verhandlungen hat Kanada einen Dialog zur Normalisierung der Beziehungen mit China eingeleitet. Nach einer achtjährigen Pause wurde unter anderem der militärische Gesprächsdialog zwischen Ottawa und Peking wieder aufgenommen.
Die kanadische Regierung betont jedoch, dass die Diversifizierung der Handelsströme und die Erschließung neuer Märkte in Asien und Lateinamerika primär dem Schutz der nationalen Souveränität und der langfristigen Stabilisierung der heimischen Wirtschaft dienen. Finanzminister François-Philippe Champagne wies den Eindruck zurück, die Annäherung an Europa sei lediglich ein taktisches Manöver zur Erlangung von Verhandlungsmacht gegenüber Washington, und bekräftigte, dass Kanada auch künftig parallel eine funktionierende Zusammenarbeit mit den USA anstrebe.



























