Zürich (Berlin Morgen Zeitschrift) 16. September 2026 – Eine neue, in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie zeigt, dass Satellitendaten traditionelle textbasierte Konfliktanalysen effektiv ergänzen können. Durch die Kombination von Aufnahmen aus dem All und Medienberichten lässt sich das Ausmaß bewaffneter Konflikte und Menschenrechtsverletzungen, wie etwa in der Ukraine und in Myanmar, präziser und umfassender bewerten.
Traditionelle Ansätze und ihre Grenzen in der Konfliktforschung
Seit Jahrzehnten stützt sich die internationale Konfliktforschung vor allem auf die Analyse von Nachrichtenberichten und gesammelten mündlichen Aussagen, um bewaffnete Auseinandersetzungen weltweit zu dokumentieren. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass dieser Ansatz gravierende methodische Lücken aufweist.
Laut Valerie Sticher, einer Politikwissenschaftlerin und Forscherin an der Universität Zürich sowie Erstautorin der Studie, existieren zwar umfangreiche Datensätze über Kriege aus den vergangenen 40 Jahren, diese basieren jedoch überwiegend auf Medienberichten. Solche Berichte seien jedoch nicht flächendeckend verfügbar, weisen teils Zuverlässigkeitsprobleme auf und unterliegen bestimmten Verzerrungen.
Menschliche Berichterstatter neigen demnach dazu, sich vor allem auf die Anzahl getöteter Menschen zu konzentrieren, während andere wichtige Indikatoren wie zerstörte Gebäude oder vernichtete Ernten seltener systematisch erfasst werden. Zudem erhalten Ereignisse in Regionen abseits des großen Medienaufmerksamkeitskegels oft zu wenig Beachtung.
Der Beitrag von Satellitendaten zur Sichtbarmachung von Gräueltaten
Satellitenbilder bieten demgegenüber eine breite Perspektive über ausgedehnte Landstriche und zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie dieselben geografischen Standorte wiederholt überwachen können. Dies erschwert es totalitären Regimen und Konfliktparteien erheblich, Verbrechen und systematische Zerstörungen zu verbergen.
Als prägnantes Beispiel nennen die Forschenden die Ereignisse im Jahr 2017 im westlichen Myanmar, wo das Militär im Dorf Chut Pyin mehrere hundert muslimische Rohingya-Zivilisten tötete. Berichte über das Massakar in der rund 2.000 Einwohner zählenden Siedlung gelangten zunächst vor allem durch Aussagen von Überlebenden an die Öffentlichkeit, die ins benachbarte Bangladesch geflohen waren.
Nachträglich ausgewertete Satellitendaten belegten, dass Häuser in dem überwiegend von Rohingya bewohnten Viertel während der Ausschreitungen systematisch vom Militär niedergebrannt worden waren. Hannes Mueller, ein Konfliktforscher am Spanischen Nationalen Forschungsrat, betont in diesem Zusammenhang, dass totalitäre Regierungen zwar oft sehr effektiv verhindern können, dass Informationen über Gräueltaten nach außen dringen, Satelliten diese Spuren jedoch kaum verbergen können. Wenn Dörfer komplett ausgelöscht und keine Augenzeugen am Leben gelassen werden, hinterlässt die Gewalt dennoch messbare Spuren aus dem All.
Verknüpfung von Datenquellen am Beispiel Ukraine und Myanmar
In ihrer in Nature publizierten Arbeit zeigen die Autorinnen und Autoren um Valerie Sticher und Corinne Bara anhand von empirischen Fallstudien aus der Ukraine und Myanmar, wie satellitengestützte und textbasierte Konfliktdaten systematisch miteinander verknüpft werden können.
In der Ukraine kombinierten die Forschenden Daten zu beschädigten Gebäuden aus Satellitenaufnahmen mit textbasierten Informationen darüber, welche Konfliktpartei zu welchem Zeitpunkt ein bestimmtes Gebiet kontrollierte. Erst durch diese Fusion der Daten wurde ersichtlich, dass in Gebieten, die von russischen Streitkräften eingenommen wurden, deutlich mehr Gebäude beschädigt wurden als in Gebieten, die von ukrainischen Truppen zurückerobert wurden.
Für den Fall Myanmar hebt Corinne Bara hervor, dass die gezielte Zerstörung von Rohingya-Unterkünften noch lange nach dem Abklingen der direkten Massaker andauerte. Satellitengestützte Daten machen diese anhaltende Phase der Vertreibung und Zerstörung sichtbar, selbst in Regionen, die für unabhängige Journalistinnen, Journalisten und Beobachter offiziell abgeriegelt waren.
Perspektiven für die internationale humanitäre Praxis
Die Studienautoren plädieren dafür, künftig automatisierte Bildanalyse-Pipelines und Methoden des maschinellen Lernens zu entwickeln, um Satellitendaten systematischer in bestehende Konfliktdatenbanken einzubinden. Solche automatisierten Analysen könnten dazu beitragen, Krisen frühzeitig zu erkennen und internationale Organisationen schneller zu alarmieren.
Durch die Verknüpfung von Satellitenbeobachtungen mit traditionellen Berichten erhalten Akteure wie die Organisation der Vereinten Nationen (UNO) oder das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) präzisere Werkzeuge an die Hand, um die Folgen bewaffneter Konflikte zu bewerten, betroffene Regionen rascher zu identifizieren und humanitäre Hilfsmaßnahmen zielgerichteter zu steuern.



























