Warum eine Fünf-Minuten-Sendung aus Skopje für Mazedonien und den Balkan mehr wert ist als so manche lange Analyse
„5 Minuten mit Čavez“
Ich muss Ihnen etwas gestehen. Als ich zum ersten Mal hörte, dass in Mazedonien jemand politische Satire macht – und das in gerade einmal fünf Minuten –, dachte ich: Das ist zu wenig. Bei uns reichen fünf Minuten kaum, um auszuhandeln, wer den Kaffee bezahlt. Wie soll man da eine ganze politische Woche mit all ihren Statements, Streitereien, Versprechen und Fettnäpfchen unterbringen?
Es geht doch. Und vielleicht ist es sogar der klügste Weg.

Mittwoch ist Čavez-Tag
Jeden Mittwoch setzt sich Igor Čaveski vor die Kamera und erzählt uns die Woche so, wie sie uns ein Freund am Stammtisch erzählen würde: ein bisschen Ironie, eine Prise Bitterkeit und jede Menge treffende Beobachtungen. Die Sendung heißt „5 Minuten mit Čavez“ – nach dem Spitznamen, unter dem ihn seine Kollegen kennen – und läuft auf dem YouTube-Kanal des Nachrichtenportals „Republika“.
Čaveski ist kein Quereinsteiger. Er hat fast zwanzig Jahre Journalismus hinter sich – bei Zeitungen, im Fernsehen und online –, und fast die ganze Zeit hat er die Politik aus nächster Nähe verfolgt. Vielleicht ist seine Satire gerade deshalb nicht bösartig. Er kennt die Politiker gut genug, um sie aufs Korn zu nehmen, aber eben auch gut genug, um sie zu verstehen.

Wir vom Balkan haben uns schon immer mit Humor gerettet
Wer einmal auf dem Balkan gelebt hat, weiß: Humor ist bei uns nicht bloß Unterhaltung, sondern eine Überlebensstrategie. Nušić hat schon vor mehr als hundert Jahren die Beamten verspottet, und seine Figuren spazieren bis heute durch unsere Behörden. In Sarajevo witzelten die Jungs von „Top lista nadrealista“ über den Zerfall Jugoslawiens – und dann holte die Wirklichkeit sie ein und überholte sie.
Wenn die Institutionen schwach sind und die Politik allzu persönlich, bleibt das Lachen der einzige Ort, an dem der einfache Mensch laut sagen kann: „Wir sehen euch.“
Sie in Deutschland kennen das nur zu gut. Erinnern Sie sich an Jan Böhmermann und sein Schmähgedicht, wegen dem 2016 zwei Staaten anfingen, sich diplomatische Noten zu schicken? Die Amerikaner haben Jon Stewart und John Oliver, die Ägypter hatten Bassem Youssef – solange das eben möglich war. Überall dieselbe Geschichte: Wenn die Nachrichten ermüden, suchen die Menschen die Wahrheit bei dem, der sie zum Lachen bringt.
Fünf Minuten, weil die Jungen keinen ganzen Abend übrig haben
Ob es uns gefällt oder nicht: Junge Leute schauen sich heute keine zweistündigen Debatten mehr an. Sie haben keine Geduld für viele Worte und wenig Substanz – und ehrlich gesagt kann ich es ihnen nicht verübeln. Čaveski hat das früher begriffen als viele andere. Deshalb fünf Minuten. Keine Minute länger.
Doch selbst das ist lang für eine Generation, die auf TikTok und Instagram lebt. Deshalb leben die besten Momente der Sendung als kurze Clips von rund zwanzig Sekunden weiter – genau die, die man mit dem Daumen wegwischt, während man auf den Bus wartet. Manche davon kommen auf hunderttausend Aufrufe. Für ein Land mit rund zwei Millionen Einwohnern ist das keine Kleinigkeit.
Unter jedem Video sind die Kommentare offen. Die Leute loben, ärgern sich, machen Vorschläge und streiten manchmal auch untereinander. Čaveski liest sie alle. Aus der Kritik lernt er, und das Lob, sagt er schmunzelnd, streichelt ein wenig seine Eitelkeit. Immerhin gibt er es zu – was man nicht von allen behaupten kann, über die er spricht.

Wenn der Plan bis Mittwoch platzt
Das Schwierigste an diesem Job ist nicht, ein Thema zu finden. In Mazedonien kommen die Themen von selbst, manchmal drei am Tag. Am schwierigsten ist die Entscheidung, was draußen bleibt. Es kommt vor, dass das, was am Montag vorbereitet wurde, am Mittwoch schon wieder Schnee von gestern ist, weil irgendein Minister beschlossen hat, etwas noch Interessanteres zu sagen.
Wir haben dafür ein altes Sprichwort: Die Rechnung, die man zu Hause macht, geht auf dem Markt nicht auf. Auf Deutsch würde man wohl sagen: Man hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Čaveski lebt Woche für Woche nach dieser Weisheit.
Politiker und Witze – eine schwierige Liebe
Wissen Sie, wann mir klar wurde, dass die Sendung wirklich ins Schwarze trifft? Als das belgische Portal „Brussels Morning“ über sie berichtete – und aus der gesamten politischen Szene ausgerechnet die oppositionelle SDSM reagierte. Eine Satire, über die sich niemand aufregt, hat nichts getroffen. Diese hier offenbar schon.
Warum fällt es unseren Politikern so schwer, über sich selbst zu lachen? Ich glaube, es liegt nicht nur an fehlendem Humor. Es liegt eher daran, dass sie sich mit dem Eingestehen von Fehlern schwertun. Einen Witz über eine Aussage empfinden sie als Angriff auf ihre Person. Doch wer über den eigenen Fauxpas lacht, gibt damit nicht seine Überzeugungen auf. Es heißt nur, dass man groß genug ist, zuzugeben, dass man selbst auch mal danebenliegt.
Für ein Land, das vor der Tür der Europäischen Union wartet, ist das keine Nebensache. Demokratie zeigt sich nicht nur in Gesetzen. Sie zeigt sich auch darin, wie die Mächtigen reagieren, wenn sich jemand über sie lustig macht.

Vielleicht sind fünf Minuten völlig genug
Nein, fünf Minuten Satire ersetzen keinen seriösen Journalismus, keine Recherchen und keine langen Debatten. Das sollen sie auch gar nicht. Aber ein guter Witz deckt einen Widerspruch manchmal schneller auf als eine ganze Analyse. Und er hinterlässt eine Frage, die einen auch dann noch begleitet, wenn das Video längst vorbei ist.
Deshalb halte ich „5 Minuten mit Čavez“ für wichtig für Mazedonien. Die Sendung holt junge Menschen in einer Sprache zur Politik zurück, die sie verstehen. Und den Politikern gibt sie eine kleine wöchentliche Erinnerung daran, dass Macht mit einer Pflicht einhergeht: es auszuhalten, wenn andere lachen.
Niemand verlangt von ihnen, über jeden Witz zu lachen. Es reicht schon, den Witz einfach existieren zu lassen.
„5 Minuten mit Čavez“ läuft jeden Mittwoch auf dem YouTube-Kanal des Portals „Republika“.


























