HAMBURG, 16. Juni (Berlin Morgen Zeitschrift) – Eine Inszenierung im Ernst Deutsch Theater in Hamburg sorgt aktuell für kontroverse Diskussionen. Das Stück trägt den Titel „Timmy: Die Hoffnung stirbt zuletzt“ und setzt sich satirisch mit dem Medienereignis um einen Buckelwal auseinander, der im April an der Ostseeküste strandete. Das Theaterstück inszeniert das Tier als eine Jesus-ähnliche Figur, die von der Gesellschaft gleichermaßen verehrt wie instrumentalisiert wurde.
Die Handlung des Stücks spiegelt das mediale Spektakel wider, das sich bildete, als Menschen, Social-Media-Influencer, Politiker und wohlhabende Gönner an die Küste strömten. Dabei legt die Inszenierung den Finger in eine gesellschaftliche Wunde. Sie suggeriert, dass es den Anwesenden nicht primär um die Rettung des Meeressäugers ging, sondern um eine Form der spirituellen Selbstheilung. Der Wal wurde zum Projektionsort für Ängste, Schuldgefühle und Sehnsüchte einer zerrissenen Nation.
Religiöse Überhöhung als Spiegelbild
In der Inszenierung wird der Wal im Rahmen einer Passionsspiel-artigen Struktur regelrecht angebetet, gekreuzigt und schließlich symbolisch in Form von sakralen Walspeck-Häppchen verteilt. Der Schauspieler Noah Tomiak, der in liturgischen Gewändern vor einem Altar mit einer aufblasbaren Wal-Replik agiert, bringt das Motiv der Rettung auf den Punkt. Er spricht die Worte:
„In seiner unermesslichen Güte wurde er zum Gefährt für uns. Und wir legten alles hinein: unsere Ängste, unsere Schuld, unsere Wünsche, unsere Einsamkeit. Und während wir sagten: ‚Wir müssen ihn retten‘, war es vielleicht schon umgekehrt: Vielleicht kam er, um uns zu retten.“
Diese explizite religiöse Überhöhung hat bereits deutliche Kritik von katholischen Theologen hervorgerufen. Gleichzeitig findet das Stück in anderen Kreisen Anerkennung. Das Wochenmagazin „Der Spiegel“ hob hervor, wie das Werk offenbare, dass eine säkularisierte Öffentlichkeit dazu bereit sei, in quasi-religiösen Strukturen Zuflucht und Hoffnung zu suchen. Der Wal, der damals in Timmendorfer strandete, wurde von der Öffentlichkeit zunächst „Timmy“ getauft – wobei sich erst später herausstellte, dass es sich um ein weibliches Tier handelte.
Zwischen Kult und populistischer Wut
Der Regisseur Alexander Klessinger integriert in die Aufführung authentische Audio-Schnipsel aus Interviews mit Menschen, die vor Ort eine Verbindung zu dem sterbenden Tier suchten. Diese Aufnahmen zeigen eine fast schon fanatische Verehrung. Eine Frau berichtet davon, wie sie versuchte, durch einen Aborigine-Gesang „energetische Löcher“ zu füllen, während eine andere Besucherin überzeugt war, der Wal habe gezielt auf sie gewartet. Die Süddeutsche Zeitung merkte nach der Premiere treffend an, dass der Wal zwar das Beste in den Menschen hervorgerufen habe, aber eben auch das Schlechteste.
Das Stück thematisiert zudem das populistische Potenzial, das sich um den Wal entwickelte. Während Experten früh rieten, das verletzte Tier in Frieden sterben zu lassen, wurde dieses Ansinnen von vielen Schaulustigen als „Mord“ diffamiert. Die Inszenierung stellt eine Pressekonferenz nach, in der Biologen von Anhängern der Rettungsmission scharf angegriffen wurden. Dieser Widerstand gegen wissenschaftliche Expertise wird im Stück geschickt mit der heutigen gesellschaftlichen Spaltung verknüpft.
Politische Symbolik und Kostenfrage
Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der eine Schauspielerin im Neoprenanzug die Behörden für das Schicksal des Wals anklagt, während im Hintergrund eine riesige Deutschlandfahne gehisst wird. Die Rettungsaktion, die von zwei Millionären privat finanziert wurde, kostete rund zwei Millionen Euro und endete tragisch: Knapp zwei Wochen nach der Freilassung im April wurde das Tier nahe der dänischen Insel Anholt tot aufgefunden. Bis heute hält die Debatte über den Sinn und die hohen Kosten der Rettung an. Das Theaterstück zeigt jedoch, dass der Wal längst zu einem Symbol geworden ist, das weit über den Artenschutz hinausreicht.



























