REYKJAVIK (Berlin Morgen Zeitschrift) – Die Isländer geben ihre Stimmen in einem mit Spannung erwarteten Referendum darüber ab, ob die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufgenommen werden sollen – eine Abstimmung, die die geopolitische Ausrichtung und die wirtschaftliche Zukunft des Landes neu gestalten könnte.
Was wird in dem Referendum gefragt?
Der Stimmzettel stellt eine einzige, richtungsweisende Frage:
„Soll Island die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufnehmen?“
Die Abstimmung hat jedoch lediglich beratenden Charakter und bedeutet keinen automatischen Eintritt in Beitrittsverhandlungen. Dennoch ist die Abstimmung politisch von großer Bedeutung, da ein „Ja“ die Regierung dazu verpflichten würde, die 2013 ins Stocken geratenen Verhandlungen wieder aufzunehmen, während ein „Nein“ den 2009 eingereichten Antrag ruhen lassen würde. Es sollte beachtet werden, dass im Falle neuer Verhandlungen ein zweites Referendum sowie die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten erforderlich wären.
Wie knapp ist das Rennen?
Vorläufige Umfragen der vergangenen Tage zeigen ein nahezu gleichmäßig gespaltenes Land, wobei das Rennen zwischen den verschiedenen Meinungsforschungsinstituten wechselt. In einer aktuellen Maskína-Umfrage, die auf den Meinungen von 1.019 Personen zwischen dem 21. und 25. August basiert, befürworteten 51,3 % die Verhandlungen, während 48,7 % unter den entschlossenen Wählern dagegen waren. Im Gegensatz dazu ergab die Gallup-Umfrage mit einer Stichprobe von 4.583 Personen vom 24. bis 27. August 48,4 % Zustimmung und 51,6 % Ablehnung, was die Unvorhersehbarkeit der Situation zusätzlich unterstreicht. Die letzten Umfragen vor der Abstimmung blieben nahezu ausgeglichen, wobei eine etwa 50,4 % dafür und 49,6 % dagegen zeigte, was von Analysten als
„zu knapp, um einen Sieger vorherzusagen“
bezeichnet wurde. Erste Daten zur Wahlbeteiligung aus Reykjavík zeigten, dass bis Mittag mehr Menschen abgestimmt hatten als bei der Parlamentswahl 2024.
Warum ist diese Abstimmung jetzt wichtig?
Das Referendum findet zu einem Zeitpunkt erhöhter geopolitischer Sensibilität im Nordatlantik und in der Arktis statt, wo die strategische Lage Islands zunehmend Aufmerksamkeit auf sich zieht. Befürworter argumentieren, dass eine EU-Mitgliedschaft die Handelsbeziehungen vertiefen, Preise stabilisieren und einen stärkeren Anker für Investitionen sowie regulatorische Angleichung bieten würde. Gegner entgegnen, dass ein Beitritt die nationale Souveränität schwächen und externe Regeln für sensible Bereiche, insbesondere die Fischerei, auferlegen würde. Wie ein Aktivist es ausdrückte:
„Hier geht es darum, wer über unsere Zukunft entscheidet – Reykjavík oder Brüssel.“
Die Regierung hat die Abstimmung als Mandat zur Wiederaufnahme der Gespräche dargestellt, falls ein „Ja“ gewinnt, und behandelt das beratende Ergebnis als politisch bindend.
Was sind die wichtigsten Streitpunkte?
Die Fischerei bleibt das umstrittenste Thema. Islands Wirtschaft und Identität sind eng mit der Kontrolle über seine Fischereigewässer verbunden, und die EU-Regeln über Zugang und Quotenverwaltung gelten seit Langem als rote Linie. Neben der Fischerei konzentrieren sich die Debatten auf die Lebenshaltungskosten, regulatorische Belastungen und Haushaltsbeiträge.
Auch Sicherheitsüberlegungen spielen eine wichtige Rolle. Einige Wähler betrachten eine stärkere EU-Anbindung als Ergänzung zur NATO-Mitgliedschaft angesichts zunehmender Spannungen in der Arktis, während andere neue Verflechtungen vermeiden möchten. Die Europäische Kommission hat signalisiert, dass ein „Ja“ ein positives Signal für die Erweiterung wäre, betonte jedoch, dass jede Vereinbarung die Fischerei berücksichtigen und eine einstimmige Ratifizierung sicherstellen müsse.
Was passiert, wenn das Ergebnis „Ja“ lautet?
Ein „Ja“-Ergebnis würde einen mehrjährigen Prozess in Gang setzen. Regierungsmemos zufolge könnten die Verhandlungen bis Ende 2026 beginnen und etwa 18–24 Monate dauern, abhängig von den Fortschritten und der Komplexität der wichtigsten Kapitel. Die Fischerei, Landwirtschaft und Haushaltsbeiträge dürften zu den schwierigsten Verhandlungsbereichen gehören. Selbst nach Abschluss der Gespräche würde ein Beitrittsvertrag einem zweiten Referendum unterliegen und die Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten erfordern. Das bedeutet, dass eine Mitgliedschaft selbst bei einer erfolgreichen Wiederaufnahme der Gespräche nicht garantiert wäre.
Was passiert, wenn das Ergebnis „Nein“ lautet?
Ein „Nein“ würde Islands Antrag von 2009 wahrscheinlich weiter in der Schwebe lassen, während das Land weiterhin unter dem Rahmen des Europäischen Wirtschaftsraums und bilateralen Abkommen agieren würde, anstatt den Kandidatenstatus anzustreben. Für die EU wäre eine Ablehnung ein Rückschlag für die Erweiterungsambitionen im Nordatlantik, obwohl Brüssel weitere Bewerberländer in seinem Erweiterungsprozess hat. Innenpolitisch würde ein „Nein“ den Status quo stärken und könnte die Dynamik für einen weiteren Vorstoß in Richtung EU-Mitgliedschaft für Jahre bremsen.
Wie ist Island hierher gelangt?
Islands Weg zur EU-Mitgliedschaft verläuft seit fast zwei Jahrzehnten immer wieder auf und ab. Die formellen Verhandlungen darüber begannen im Juli 2009, nachdem das Land 2008 von einer Finanzkrise getroffen worden war und der Beitritt als Absicherung für seine Stabilität angesehen wurde. Die Gespräche schritten voran, wobei bis 2013 11 von 35 Kapiteln abgeschlossen wurden.
Nach einem Regierungswechsel setzte Reykjavík im September 2013 weitere Verhandlungen aus. Im Januar 2015 informierte das Land die EU darüber, dass es nicht als Kandidatenland betrachtet werden sollte, und Island schied damit aus der Kandidatenliste aus. Der 2009 eingereichte Antrag wurde jedoch nie offiziell zurückgezogen.



























