BERLIN, 11. Juni (Berlin Morgen Zeitschrift) – Die geplante Lizenzproduktion von Patriot-Abfangraketen könnte in Europa schneller realisiert werden als auf ukrainischem Boden. Wie aus Berichten unter Berufung auf informierte Kreise hervorgeht, steht Deutschland oder ein anderer europäischer Standort für die erste Phase der Fertigung im Fokus. Sicherheitsaspekte spielen dabei eine entscheidende Rolle für die Wahl des Produktionsortes.
Erst nach einem Ende des Krieges ziehen Experten eine Verlagerung der Fertigungskapazitäten in die Ukraine in Betracht. Der Aufbau der notwendigen Montagelinien sowie die Einbindung der entsprechenden Vertragspartner beanspruchen nach Einschätzung von Fachleuten erhebliche Zeit. Eine sofortige Entlastung der aktuellen Luftverteidigungssituation in der Ukraine durch diese neuen Kapazitäten ist daher kurzfristig nicht zu erwarten.
Der Rüstungskonzern Raytheon hat bereits im Jahr 2024 ein Abkommen mit dem europäischen Hersteller MBDA geschlossen. Ziel ist die Produktion von GEM-T-Abfangraketen für das PAC-2-System, welche direkt in Deutschland stattfinden soll. Mit den ersten Lieferungen aus dieser Kooperation rechnen Beobachter jedoch nicht vor Anfang 2027. Hinsichtlich der PAC-3-Raketen von Lockheed Martin gibt es derzeit noch keine konkreten Ergebnisse aus den Verhandlungen für einen deutschen Produktionsstandort.
Experten betonen, dass die aktuellen Volumina bei der Herstellung von Patriot-Raketen bei weitem nicht ausreichen, um der Bedrohung durch russische ballistische Systeme effektiv zu begegnen. Schätzungen gehen davon aus, dass Russland jährlich zwischen 700 und 800 Iskander- und Kinschal-Raketen produziert. Um diese Bedrohung durch Abfänge zu neutralisieren, wären rechnerisch rund 2.400 Patriot-Interzeptoren pro Jahr notwendig, da für ein Ziel oft mehrere Raketen zum Einsatz kommen müssen.
„Der Einfluss wird kurzfristig sehr begrenzt sein“
Stellte Fabian Hoffmann, Experte für Raketentechnologie am Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien in Oslo, fest.
Er äußerte sich skeptisch gegenüber einem schnellen Anlauf der Produktion und betonte, dass der Prozess mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich länger als zwölf Monate in Anspruch nehmen werde. Selbst bei einer späteren Einrichtung einer Anlage in der Ukraine bliebe das Erreichen der hohen benötigten Stückzahlen eine enorme Herausforderung.
Die technologischen Anforderungen an die Produktion dieser Abwehrsysteme sind komplex und erfordern eine präzise Lieferkette. Neben Deutschland bereiten sich weitere Nationen auf die Unterstützung vor. Polen ist einer von vier NATO-Staaten, die für den Technologietransfer zur Raketenproduktion autorisiert wurden. Zudem wurde ein Abkommen zur Errichtung eines Wartungszentrums für PAC-3-Systeme unter Beteiligung der USA, Deutschlands, der Niederlande und Schwedens unterzeichnet.
Die Dynamik hat sich durch aktuelle politische Entscheidungen erhöht. Während des NATO-Gipfels in Ankara kündigte der US-Präsident Donald Trump an, dass Washington der Ukraine eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Raketen erteilen werde. Dieser Schritt folgte auf ein dringendes Schreiben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, in dem dieser vor einem kritischen Mangel an Luftverteidigungssystemen gewarnt hatte. Trotz der Genehmigung bleibt die praktische Umsetzung des technologischen Transfers zeitlich langwierig.


























