Brüssel (Berlin Morgen Zeitschrift) – Europa Nostra hat die Präsidentin der Europäischen Kommission offiziell aufgefordert, das gemeinsame kulturelle Erbe Europas als zentralen Pfeiler in die bevorstehende Rede zur Lage der Union aufzunehmen. Die prominente Kulturerbe-Organisation betonte, dass materielle und immaterielle Kulturgüter genutzt werden müssen, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, die demokratische Widerstandsfähigkeit und die Vorsorge für den Klimanotstand in den Mitgliedstaaten zu stärken.
Appell vor der Rede zur Lage der Union
Im Vorfeld der mit Spannung erwarteten Rede zur Lage der Union haben die geschäftsführende Präsidentin und der Generalsekretär von Europa Nostra einen formalen Brief an die Präsidentin der Europäischen Kommission gerichtet. In der Mitteilung wird unterstrichen, dass das kulturelle Erbe in einer Zeit von geopolitischer Gewalt, gesellschaftlicher Polarisierung, wirtschaftlicher Unsicherheit und weitverbreiteter Sorge als lebenswichtiges strategisches Gut anerkannt werden muss.
Die Organisation lobte die Europäische Kommission für zwei kürzlich erfolgte politische Meilensteine: die Veröffentlichung des *Culture Compass for Europe* und die Co-Zeichnung der Gemeinsamen Erklärung unter dem Motto „Europa für Kultur – Kultur für Europa“ zusammen mit den Präsidenten des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union. Europa Nostra erklärte, diese Initiativen dienten als entscheidende Rahmenbedingungen, um aktuelle globale Turbulenzen zu bewältigen und das Fundament der europäischen Gesellschaft zu stärken.
Stärkung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und der demokratischen Widerstandsfähigkeit
In ihrem Appell betonte Europa Nostra, dass die Konsolidierung wirtschaftlicher Perspektiven, Handelsrahmen, Klimaresilienz und Verteidigungsfähigkeiten zwar unerlässlich bleibt, diese Maßnahmen jedoch durch einen ausgeprägten zivilisatorischen und bürgernahen Pfeiler gestützt werden müssen. Die Organisation verwies auf den alarmierenden Aufstieg extremistischer Ideologien auf dem europäischen Kontinent und darüber hinaus und argumentierte, dass diese Entwicklungen unmittelbare und entschlossene Aufmerksamkeit von allen europäischen Führungspersönlichkeiten und gesellschaftlichen Segmenten erfordern.
Der Mitteilung zufolge bleibt das europäische Projekt für die Bürger – wie jüngste Eurobarometer-Ergebnisse zeigen – zwar grundsätzlich attraktiv, doch sind immer mehr Menschen für die Manipulation durch externe Akteure anfällig. Diese Akteure stellen das europäische Projekt häufig als Sündenbock für Ängste und berechtigte sozioökonomische Sorgen dar. Daher erklärte Europa Nostra, dass die Europäische Union ihre öffentliche Erzählung dringend anpassen müsse, um ihre geopolitische Stellung auf der Weltbühne zu wahren, und dabei ihre Grundwerte sowie das gemeinsame kulturelle Erbe als Hauptvermögenswerte einsetzen solle.
Grundwerte und geteiltes kulturelles Erbe als strategische Ressourcen
Die Korrespondenz hebt hervor, dass die europäischen Grundwerte – darunter Frieden, Demokratie, Solidarität, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit – den wesentlichen Kern des Vermächtnisses des Kontinents darstellen und sein humanistisches Modell weltweit prägen. Diese durch historische Prozesse geschmiedeten Werte korrespondieren direkt mit dem reichen und vielfältigen kulturellen Erbe Europas, das durch Jahrhunderte des interkulturellen Austauschs über Grenzen und Generationen hinweg geprägt wurde.
Darüber hinaus betonte Europa Nostra, dass das kulturelle Erbe als praktische Ressource für die Regionalentwicklung und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit fungiert. Die auf dem Erbe basierende Erneuerung historischer Stadt- und Landgebiete kann nachhaltigen, bezahlbaren Wohnraum schaffen und gleichzeitig effektiv zum grünen Wandel der europäischen Wirtschaft im Einklang mit den Prinzipien des Neuen Europäischen Bauhaus beitragen. Die Organisation wies ferner darauf hin, dass das kulturelle Erbe als Instrument zur Unterstützung der EU-Erweiterungspolitik und der Außenbeziehungen dient, insbesondere im Rahmen des Pakts für den Mittelmeerraum der EU.
Durch die Integration des kulturellen Erbes in die Kernthemen der Risikovorsorge, der Klimaanpassung, der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und des sozialen Zusammenhalts kann die Europäische Kommission nach Ansicht von Europa Nostra eine deutliche Botschaft des Selbstbewusstseins und der kulturellen Führung an die europäischen Bürger und die internationale Gemeinschaft senden.



























