Der Streit um die Kraftwerksstrategie
Hintergrund für den Protest ist der akute Konflikt zwischen der neuen Kraftwerksstrategie der Koalition und dem Klimaschutzgesetz. Die Regierung sieht den Neubau von Erdgaskapazitäten als zwingend notwendig an, um die Stromversorgung in Phasen ohne Wind und Sonne verlässlich abzusichern. Da Deutschland komplett aus der Kernenergie ausgestiegen ist und den Kohleausstieg weiter beschleunigt, sollen diese hochflexiblen Anlagen das Problem der sogenannten Dunkelflaute lösen. Das Wirtschaftsministerium plant dafür einen Ausbau von bis zu 20 Gigawatt an neuen Kapazitäten.
Die erste Phase sieht Ausschreibungen für 12 Gigawatt vor, die nach einer Einigung mit der Europäischen Kommission mit staatlichen Steuergeldern bezuschusst werden. Diese Kraftwerke müssen zwingend wasserstofffähig gebaut werden, damit sie bis zum Jahr 2045 vollständig mit grünem Wasserstoff betrieben werden können. Umweltaktivisten kritisieren dieses Versprechen jedoch als teure Illusion. Der Protest richtet sich vor allem gegen die neuen Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen, die durch milliardenschwere Subventionen über Jahrzehnte zementiert würden.
Technische Hürden der Wasserstoffnutzung
Die geplante Umstellung von fossilem Erdgas auf reinen Wasserstoff stellt die Energiewirtschaft vor enorme ingenieurtechnische Herausforderungen. Ein zentrales Problem ist die hohe Flammengeschwindigkeit von Wasserstoff, die siebenmal höher ist als bei Erdgas. Dies kann zu gefährlichen Flammenrückschlägen führen, welche die teuren Turbinen der Energieversorger sofort zerstören. Zudem führt das kleine Wasserstoffmolekül bei normalen Stahlleitungen zur gefürchteten Wasserstoffversprödung, was zu Rissen und fatalen Leckagen im Netz führt.
Da Wasserstoff bei deutlich höheren Temperaturen verbrennt, verdreifacht sich außerdem der Ausstoß von gesundheitsschädlichen Stickoxiden, was den Einsatz sehr kostspieliger Abgasreinigungsanlagen erfordert. Ein weiteres Problem ist die geringe volumetrische Energiedichte. Eine Turbine benötigt das dreifache Volumen an Wasserstoffgas im Vergleich zu Erdgas, um die identische Menge Strom zu erzeugen. Der breite Protest macht deutlich, dass diese technischen Risiken von der Politik unterschätzt werden.
Energiekonzerne planen Großprojekte im Revier
Die anstehenden staatlichen Auktionen für die neuen Kraftwerke, die ein Finanzierungsvolumen von 16 bis 20 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds umfassen, stoßen bei den großen Energieversorgern auf großes Interesse. Das Ruhrgebiet gilt aufgrund bestehender Netzanbindungen und stillgelegter Kohleflächen als Hauptzielregion für die Investoren. Der Energiekonzern RWE plant am Standort Voerde ein neues Gas- und Dampfkraftwerk mit einer Leistung von 850 Megawatt. Auch die verstaatlichte Uniper und der Betreiber Steag Iqony bereiten Gebote für hochflexible Anlagen vor.
Um die riesigen Gasmengen für den Winter zu sichern, plant die Industrie zudem die Einrichtung gigantischer unterirdischer Salzkavernen. Das Ausspülen dieser geologischen Formationen verbraucht jedoch Millionen Liter Frischwasser und hinterlässt Millionen Tonnen hochkonzentrierter Salzsole, deren Entsorgung eine erhebliche Umweltbelastung für lokale Flussökosysteme darstellt und weiteren Protest schürt. Der Protest zeigt die Zerrissenheit der Region zwischen industrieller Tradition und grünem Wandel.
Die Veranstalter der Demonstration machten ihren Standpunkt in einer gemeinsamen Erklärung deutlich:
„Tausende von Menschen haben sich heute in Hamm versammelt, um ein starkes, kreatives und friedliches Zeichen für eine gerechte Energiewende zu setzen.“
Der Protest am Wochenende markiert den Beginn einer bundesweiten Aktionswoche von Klimaschutzgruppen gegen fossile Infrastruktur.




























